Gesellschaft und weiter

Die pro zukunft-Buchkolumne 02 | 2022
Sammelrezension: Stefan Wally, Hans Holzinger, Anna Maria Stadler

Vier Rezensionen aus der neuen Ausgabe von pro zukunft rekombiniert eröffnen unterschiedliche Perspektiven auf Gesellschaft: den Umgang mit Katastrophen, die Notwendigkeit eines neuen Gesellschaftsvertrags, die Erneuerung der Demokratie von unten her und schließlich Alleinsein als eine nicht erst und nicht nur pandemische Zustandsform. Eine Buchumschau.

Vier ausgewählte Rezensionen neu kombiniert: Niall Ferguson schreibt über Katastrophen der Vergangenheit und mögliche Lehren für die Zukunft. Minouche Shafik spricht sich für einen neuen Gesellschaftsvertrag aus. Patrizia Nanz, Charles Taylor und Madeleine Beaubien Taylor fordern mehr Partizipationsprozesse ein, um Demokratie von unten her zu erneuern. Daniel Schreiber schließlich ergründet das Spannungsverhältnis zwischen dem Wunsch nach Rückzug und Nähe, nach Freiheit und Geborgenheit: im Alleinsein.


Über Katastrophen der Weltgeschichte


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In seinem Buch Doom geht Niall Ferguson davon aus, dass man die Geschichte der Katastrophen, ob natürlich oder von Menschen gemacht, nicht losgelöst von der Geschichte der Wirtschaft, Gesellschaft, Kultur und Politik verstehen kann. "Katastrophen kommen selten ausschließlich von außen, mit Ausnahme eines gewaltigen Asteroideneinschlags, wie er sich seit 66 Millionen Jahren nicht ereignet hat, oder der Invasion von Außerirdischen, wie es sie noch nie gegeben hat." Und Katastrophen haben tiefgreifende Auswirkungen, die unsere Erwartungen auf den Kopf stellen. "Alle Gesellschaften leben mit der Ungewissheit." 

Das Buch lässt Katastrophen der Weltgeschichte Revue passieren. Es beobachtet, hält Erkenntnisse eindrücklich fest. Ferguson setzt sich mit Amartya Sens Überlegungen auseinander, wann es zu den großen Hungerkatastrophen kam. Sen diagnostizierte einen starken Zusammenhang mit Diktatur, Bürgerkrieg und Staatsversagen; er sieht Hungerkatastrophen als politische Katastrophen, als falsches Reagieren auf Marktversagen. Demokratische Kontrolle hingegen könne Hungersnöte abwenden. Ferguson bestreitet das Marktversagen als Ausgangspunkt, stimmt ansonsten aber zu. Übertragbar auf andere Katastrophen sei dies aber nicht. Gerade der Übergang von Imperien zur Demokratie sei in der Geschichte sehr oft mit Krieg und Zerstörung einhergegangen. 

Der Autor sieht sich auch "kleine" Katastrophen an, wie den Untergang der Titanic und die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl. Für ihn ist die Gemeinsamkeit all dieser Desaster eine Kombination aus Betriebs- und Managementfehlern. Der Knackpunkt befinde sich oft gar nicht an der Spitze, sondern in der mittleren Führungsebene. 

Sich zur Vermeidung von Katastrophen auf die Wissenschaft zu verlassen, hält Ferguson indes für eine Illusion. Die Spanische Grippe von 1918 habe der Wissenschaft ihre Grenzen aufgezeigt. Fortschritte der Medizin in Kolonialreichen seien häufig durch die Vernetzung mit Europa und die daraus folgenden Infektionswege wieder zunichtegemacht worden. 

Welche allgemeinen Lektionen könne man aus den Betrachtungen in seinem Buch mitnehmen, fragt Ferguson. Erstens dürfte es schlichtweg unmöglich sein, die meisten Katastrophen vorherzusehen oder auch nur Wahrscheinlichkeiten anzugeben. "Sie gehören in den Bereich der Ungewissheit, nicht des Risikos." Zweitens nehmen Katastrophen zu viele Formen an, um mit herkömmlichen Methoden des Risikomanagements vorgehen zu können. Drittens seien nicht alle Katastrophen globaler Natur. "Doch je stärker sich die Menschheit vernetzt, umso größer ist die Gefahr der Ansteckung, und zwar nicht nur biologischer Art." Der Autor betont viertens das Versagen der Gesundheitsbehörden in der Coronapandemie, und er stellt zu Recht die Frage, ob dabei nur die Gesundheitsbehörden und nicht vielmehr die gesamten staatlichen Verwaltungen involviert seien. Fünftens beobachtet er, dass in Zeiten großer gesellschaftlicher Belastungen religiöse, quasi-religiöse und ideologische Impulse eine rationale Reaktion behindern würden. 

Nach diesen Lektionen aus vergangenen Katastrophen blickt der Autor in die Zukunft nach der Coronapandemie. Großstädte werden nicht "out" sein, nur ein paar Reiche werden wegziehen, die Städte würden höchstens billiger, schäbiger und jünger werden. Die bestehenden Spannungen im Generationenvertrag werden sich kaum verändern, die Übersterblichkeit falle kaum ins Gewicht. Junge aber würden mehr Probleme haben, Arbeit zu finden und Spaß zu haben, da dies sehr häufig mit Menschenansammlungen verbunden sei. Abstand gehe einher mit Depression, Kommunikationselektronik werde natürlich wichtiger, wenn versucht wird, die Distanz zu überbrücken. 

Ferguson sieht für die Zukunft nicht nur Gefahren durch Katastrophen, sondern vor allem auch durch unsere Vorbereitung auf diese. Die Entstehung einer allgegenwärtigen Überwachung, auf präventiver Polizeiarbeit basierend, ein globaler Kontrollmechanismus und Ähnliches seien Schritte in einen Totalitarismus. "Wer die Regierungen dazu aufruft, sich gegen die Gefahren der Menschheit zu verbünden, sollte die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass diese Verbündung selbst die größte Gefahr ist", zitiert er den Wirtschaftswissenschaftler Bryan Caplan. Von Stefan Wally


Für einen neuen Gesellschaftsvertrag


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Minouche Shafik ist Direktorin der London School of Economics, die in den vergangenen Jahrzehnten gesellschaftliche Debatten immer wieder beeinflusst hat. Shafik sieht sich in dieser Tradition, wenn sie das Buch Was wir einander schulden vorlegt. Darin skizziert sie einen neuen Gesellschaftsvertrag, der nötig geworden sei, weil sich immer mehr Menschen von den bestehenden Ordnungen betrogen fühlen. Kurz: Das System funktioniert für sie nicht mehr. 

Shafik ist der Auffassung, dass es zwei Entwicklungen waren, die zur Notwendigkeit geführt haben, jetzt die gesellschaftliche Ordnung von Grund auf neu zu diskutieren. "Am Ende des 20. Jahrhunderts waren die technologische Entwicklung und die sich wandelnde Rolle der Frauen die beiden Hauptursachen dafür, dass der bestehende Gesellschaftsvertrag unter Druck geriet." Das Internet und die gewaltigen Containerschiffe senkten Kosten für Transport und Kommunikationen und ermöglichten die Globalisierung einhergehend mit den Verlagerungen von Produktionsstätten. Daneben führt die massive Zunahme der Bildung für Mädchen und der Zahl der Frauen auf dem Arbeitsmarkt zu Druck auf die Politik. Diese werde vermehrt dazu gezwungen, Wege zu finden, alle diese ausgebildeten Fähigkeiten nutzbringend einzusetzen. 

Nach diesen beiden Veränderungen stehen für Shafik schon die nächsten drei großen Herausforderungen an. Erstens erzwingt die Alterung der Gesellschaft Anpassungen in vielen Bereichen, das gilt insbesondere für die Altersfürsorge. Die neuen Technologien, wie künstliche Intelligenz, werden (zweitens) vor allem Hochqualifizierten und Menschen in urbanen Räumen nützen. Siedelten sich Industrieunternehmen des 20. Jahrhunderts zunehmend in Ländern mit billigen Arbeitskräften an, so suchen die Technologieunternehmen heute die Nähe zu den Hochqualifizierten und ihren Ausbildungsstätten. Schließlich, drittens, sieht Shafik auch den Klimawandel als neue Herausforderung für den Gesellschaftsvertrag. 

Shafik legt drei Prinzipien fest, die für den Umgang mit diesen Wellen an Herausforderungen dienen sollen. "Erstens, dass jedem das Minimum garantiert werden sollte, das notwendig ist, um ein würdiges Leben zu führen. (…) Zweitens sollte von jedem erwartet werden, dass er oder sie so viel wie möglich zum Gemeinwohl beiträgt und dafür die maximalen Chancen erhält durch lebenslange Weiterbildung, späteren Ruhestand und öffentliche Beihilfe zur Kindererziehung, sodass Frauen arbeiten können. Drittens sollte ein Mindestmaß an Schutz vor bestimmten Risiken wie Krankheit, Arbeitslosigkeit und Alter von der Gesellschaft übernommen werden, anstatt sie Einzelnen, den Familien oder Arbeitgebenden aufzubürden." Auch vor der Frage der Kosten, die zur Finanzierung eines neuen Gesellschaftsvertrags anfallen würden, drückt sich die Autorin nicht. "Der Ausbau der öffentlich geförderten Kinderbetreuung, der frühkindlichen Bildung und des lebenslangen Lernens würde mehr Ausgaben erfordern, ebenso die Einführung einer allgemeinen Gesundheitsversorgung und einer staatlichen Mindestrente. Aber einige dieser Ausgaben sind Investitionen und würden in der Zukunft höhere Steuereinnahmen generieren (…) oder einen Nettonutzen bringen, wenn sie richtig gemessen werden - zum Beispiel für die Umwelt". Von Stefan Wally


Demokratie von unten her neu aufbauen


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Patrizia Nanz ist Expertin für Demokratie, Transformative Wissenschaft und nachhaltige Entwicklung. Gemeinsam mit Claus Leggewie hat sie das Konzept der "Konsultative" als "vierte Macht" des Staates entworfen. Demokratisch und repräsentativ zusammengesetzte Zukunftsräte sollten die Politik in großen Fragen wie dem Klimawandel oder dem Umgang mit Migration beraten. Nun skizziert sie gemeinsam mit dem Sozialphilosophen Charles Taylor und Madeleine Beaubien Taylor, Geschäftsführerin von Network Impact, Ansätze, um dem Vertrauensverlust gegenüber der Politik und der zunehmenden Spaltung unserer Gesellschaften entgegenzuwirken. Vor zwei großen, miteinander verflochtenen Herausforderungen stehen laut Autorïnnen die liberalen Demokratien: "Einem zunehmenden Verlust ihrer Fähigkeit, Probleme zu lösen, und einer wachsenden Kluft zwischen den politischen Eliten und der Bevölkerung." Letztere spiele insbesondere in benachteiligten, deindustrialisierten Regionen eine wichtige Rolle und bringe demagogischen politischen Bewegungen breiten Zulauf. Soziale Medien sowie der Medienkonsum generell vergrößern die Distanz zwischen Bürgerïnnen und der politischen Sphäre weiter. 

Den Ausweg sehen Nanz und die Mitautorïnnen nicht nur in der Reform von Parteien und Öffentlichkeit sowie in der Beschränkung der Macht des Geldes, sondern insbesondere in neuen Formen der Beteiligung, die auch von aktuellen wirtschaftlichen Entwicklungen Benachteiligte einbinden: "Um verantwortungsvolles Regierungshandeln wiederherzustellen, müssen wir unserer Ansicht nach die Demokratie von unten her neu aufbauen. Nur wenn wir die Demokratie an der Basis stärken und neu beleben, gewinnen die Bürgerïnnen Klarheit darüber, welche Forderungen sie erheben wollen und welche Zukunft sie sich für ihre Kommune oder Region vorstellen." Es gehe darum, lokale Gemeinschaften aufzubauen, die neue solidarische Bindungen erschaffen und die Interessen und Ziele von Angehörigen der Gemeinschaft miteinander in Einklang bringen. Kreative Kräfte sollen freigesetzt und die Selbstorganisationspotenziale auf kommunaler und Stadtteilebene gestärkt werden. 

Im Mittelteil des Buches werden Beispiele solcher erfolgreicher Beteiligungs- und Ermächtigungsprojekte geschildert. In ehemaligen Industrieregionen in Wisconsin sowie Massachusetts gelang es, gemeinsam mit Bürgerinnen und Bürgern, Arbeitsmarktstellen sowie lokalen Behörden, neue wirtschaftliche Potenziale zu erschließen. Aus einem benachteiligten Stadtviertel in San Diego wird von einem partizipativ entwickelten Kultur- und Einkaufszentrum berichtet, in dem lokale Geschäfte ebenso wie kulturelle Angebote gemeinsam geschaffen wurden. Eher bekannt sind Konsultationsverfahren durch Bürgerïnnenräte - dazu finden sich Beispiele aus Irland sowie dem österreichischen Bundesland Vorarlberg. Wie die Zusammenarbeit mit politischen Entscheidungsträgerïnnen gelingen kann, wird am irischen Verfassungskonvent geschildert. 

Vier Bausteine des Wandels benennen die Autorïnnen: Abkehr von der Opferrolle und Entwicklung eines "emanzipatorischen Bewusstseins der kollektiven Handlungsfähigkeit"; Aufbau neuer "inklusiver Solidaritätsbeziehungen und Vertrauen"; Öffnung neuer Wege der Kreativität; Befähigung zur politischen Mobilisierung. Wichtig für den Erfolg von Transformationsprozessen seien eine professionelle Begleitung, die Beteiligung aller Betroffenengruppen sowie von ausgewogenen Expertïnnen-Inputs ohne Bevormundung. Ressourcen der öffentlichen Hand oder von Stiftungen seien wichtig, Geld allein aber reiche nicht. Dass Reformprojekte ohne Einbeziehung der Betroffenen schwer gelingen, wird am Beispiel des Lausitzer Kohlereviers kritisiert, in das der deutsche Staat Milliarden an Euro an Infrastrukturmaßnahmen pumpt, aber laut Autorïnnen ohne wirksame Beteiligungsverfahren. Hingewiesen wird auf die Internetseite participedia.net, die verschiedene dialogbasierte Verfahren beschreibt. Betont wird dabei die Auswahl der Beteiligten nach dem Zufallsprinzip, um Repräsentativität zu gewährleisten. 

In Summe ein inspirierender Band, der auf die Stärkung lokaler Gemeinschaften und die Selbstorganisation von Bürgerïnnen sowie neuer Dialogforen setzt. Bürgerbeteiligungsprozesse beleben zweifellos die Demokratie. Sie sind kein Ersatz für die parlamentarische Arbeit und auch nicht für das zivilgesellschaftliche Engagement von Nichtregierungsorganisationen, die sich anwaltschaftlich für soziale, menschen- oder tierrechtliche und ökologische Anliegen einsetzen. In diesem Sinne könnte auch der Ausbau direktdemokratischer Elemente zur Belebung des Politischen beitragen. Von Hans Holzinger


Spannungsverhältnisse: über das Alleinsein


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In einer Zeit, in der so viele Menschen wie noch nie zuvor allein leben, stellt Daniel Schreiber die Frage danach, ob es möglich ist, allein glücklich zu sein. Er ergründet dabei den Balanceakt zwischen Freiheit und Nähe, ohne unausgesprochen zu lassen, wie hart das Leben allein sein kann, oder die Schwierigkeit, über Einsamkeit zu sprechen, zu verharmlosen. Weil es ein Zustand ist, der immer noch mit Scham behaftet ist und zudem am liebsten, so sein Eindruck, niemand davon hören will. Umso nachdrücklicher schreibt er von den Leerstellen und Sehnsüchten des Alleinseins und auch von jener Einsamkeit, die entsteht, wenn man sich außerhalb gesellschaftlicher Systeme und Kategorien bewegt. In einer Zeit, die von vielen als unsicher erlebt wird und in der "die großen Erzählungen" an Gültigkeit verlieren, wird dennoch Unglücklichsein als individuelles Scheitern gesehen, obwohl es vielleicht eine adäquate Reaktion auf die Welt und Gesellschaft sein kann. Ebenso wird das Fehlen einer Liebesbeziehung als Scheitern ausgelegt; das Mitleid in den Gesichtern der anderen zeichnet es nach. Dabei gibt es viele Gründe, allein zu leben, so Schreiber, vielleicht auch einfach den, dass man es möchte. 

Romantische Liebe drängt sich - vor allem medial - in den Vordergrund, dabei sind es oft Freundschaften, die durchs Leben tragen. Schreiber verzichtet aber auf deren Idealisierung und wendet sich ab von der Annahme, dass Freundschaft auf Ähnlichkeit beruhe, und verweist stattdessen auf das subversive Potenzial der Freundschaft zwischen Unterschiedlichen. Zudem hinterfragt er die Vorstellung von Freundschaft als Trostpreis oder Ersatzglück ebenso konsequent wie die "überzuckerten" Vorstellungen davon, was Freundschaft alles leisten könne und müsse. Der Autor zeichnet nach, wie Freundschaften nicht fähig sind, die Sehnsucht nach maximaler Nähe und Verbundenheit einzulösen, und wie diese häufig dem Konzept der Kleinfamilie zum Opfer fallen. Er habe insbesondere in der Pandemie eine nostalgische Hinwendung zu traditionellen Modellen von Familie und Freundschaft festgestellt, sodass jene, die sich außerhalb dieser Modelle bewegen, besonders von der Isolation betroffen seien: "Bezeichnenderweise schlägt keiner der wiederkehrenden Propheten des sozialen Niedergangs vor, den Kampf gegen Einsamkeit mit dem Kampf gegen Rassismus, Misogynie, Antisemitismus, Homo-, Trans- und Islamophobie zu beginnen, gegen die gesellschaftliche Stigmatisierung von Menschen, die in Armut leben, gegen all die strukturellen Phänomene der Ausgrenzung, die jeden Tag und in großem Maßstab soziale Isolation produzieren. Die Antwort der mit großer Geste Warnenden liegt fast immer in der Beschwörung der Magie der Kleinfamilie." 

Wie nebenbei räumt er mit dem kollektiven Konstrukt des "guten Lebens" und dem Wohlstandsphantasma auf, dass man durch Kraftanstrengung und Arbeit alles erlangen kann, was man sich wünscht - Versprechen, die sich für viele nicht einlösen und als individuelles Scheitern gesehen werden. Schreiber widmet sich in einer Klarheit und Schonungslosigkeit der Thematik, die er auch auf sich selbst anwendet, indem er in einer ehrlichen Selbstergründung seine eigenen Erfahrungen bis hin zu Momenten des Rückzugs und der Sprachlosigkeit offenlegt. Besonders gelungen ist ihm dabei, das Nebeneinander von individuellen Erlebnissen und soziologischen, literarischen, philosophischen Verweisen darzustellen - eine Vorgehensweise, die an Annie Ernaux denken lässt, von der auch ein Zitat vorangestellt ist. Solcherart zeigt er nicht nur die individuellen Schwierigkeiten und strukturellen Problematiken im Zusammenhang mit Einsamkeit auf, sondern ergründet auch Möglichkeiten des Umgangs mit der Ausgesetztheit und Unsicherheit. 

Daniel Schreiber ist dabei ein zeitdiagnostisches Buch gelungen, das einen Nerv trifft. Das, nicht zuletzt aufgrund der veränderten Lebensform durch die Pandemie, Fragen aufwirft, die sich viele stellen. Und doch ist es glücklicherweise kein Corona-Buch geworden, sondern vielmehr eines über einen Zustand, der jede:n betrifft: das Alleinsein. Von Anna Maria Stadler  


Zitate


"Alle Gesellschaften leben mit der Ungewissheit." Niall Ferguson Doom

"Katastrophen ... gehören in den Bereich der Ungewissheit, nicht des Risikos." Niall Ferguson Doom

"Um verantwortungsvolles Regierungshandeln wiederherzustellen, müssen wir die Demokratie von unten her neu aufbauen." Patrizia Nanz, Charles Taylor, Madeleine Beaubien Taylor: Das wird unsere Stadt

"Nur wenn wir die Demokratie an der Basis stärken und neu beleben, gewinnen die Bürgerïnnen Klarheit darüber, welche Forderungen sie erheben wollen und welche Zukunft sie sich für ihre Kommune oder Region vorstellen." Patrizia Nanz, Charles Taylor, Madeleine Beaubien Taylor: Das wird unsere Stadt

 

changeX 30.03.2022. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

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Quellenangaben

Zu den Büchern

: Doom. Die großen Katastrophen der Vergangenheit und einige Lehren für die Zukunft. DVA, München 2021, 592 Seiten, 8 Euro (D), ISBN 978-3-421-04885-1

Doom

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: Was wir einander schulden. Ein Gesellschaftsvertrag für das 21. Jahrhundert. Ullstein Verlag, Berlin 2021, 200 Seiten, 22 Euro (D), ISBN 978-3-550201165

Was wir einander schulden

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: Das wird unsere Stadt. Bürger*innen erneuern die Demokratie. Edition Körber, Hamburg 2022, 112 Seiten, 14 Euro (D), ISBN 978-3-89684-292-3

Das wird unsere Stadt

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: Allein. Hanser Berlin, Berlin 2021, 160 Seiten, 20 Euro (D), ISBN 978-3-446-26792-3

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Autor

Hans Holzinger
Holzinger

Hans Holzinger ist Mitarbeiter der Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen in Salzburg.

Autorin

Anna Maria Stadler
Stadler

Anna Maria Stadler ist Autorin, Künstlerin und Forschende. Ihre Arbeiten bewegen sich an den Nahtstellen von Literatur, Bildender Kunst und Theorie. Seit 2019 forscht sie als Doktorandin an der interuniversitären Einrichtung Wissenschaft & Kunst in Salzburg zu situativen Kunstformen und deren paratextuellen Fortschreibungen.

Autor

Stefan Wally
Wally

Stefan Wally ist Geschäftsführer der Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen in Salzburg und schreibt als Rezensent für das pro zukunft-Buchmagazin der Robert-Jungk-Bibliothek.

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