Pro Zukunft 2018

Buchkolumne der Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen
Sammelrezension: Birgit Bahtić-Kunrath, Stefan Wally, Hans Holzinger

Identität, Demokratie, Vernunft und Fortschritt, gesellschaftliche Transformation. Das sind die Themen der neuen Buchumschau mit wichtigen Zukunftsbüchern des Jahres. Vier der Top Ten der Zukunftsliteratur des Jahres 2018.

Seit 2004 bereits kürt die Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen JBZ wichtige Bücher des Jahres, die gesellschaftliche Entwicklungen kritisch reflektieren und neue Zukunftsperspektiven eröffnen - in diesem Jahr zum ersten Mal in einer gemeinsamen Auswahl mit changeX. Birgit Bahtić-Kunrath, Stefan Wally und Hans Holzinger von der JBZ haben sich wichtige Titel zu den Themen Identität, Demokratie, Vernunft und Fortschritt sowie gesellschaftliche Transformation angesehen. Und stellen sie vor.


Ein dritter Individualismus in der pluralisierten Gesellschaft


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Die Wiener Philosophin Isolde Charim hat sich in ihrem klugen und wichtigen Buch Ich und die Anderen Gedanken darüber gemacht, wie Menschen in einer pluralisierten Gesellschaft mit einer Vielzahl von - häufig schwammigen und unbeständigen - Identitätsentwürfen leben, und wie sich Individuum und Gesellschaft im Pluralismus völlig neu ordnen. 

Waren die alten Nationalstaaten relativ homogen, leben wir nun in einer zunehmend pluralisierten Gesellschaft, die unser "Ich" für immer verändert: "Es gibt keine selbstverständliche Kultur, keine selbstverständliche Zugehörigkeit mehr. Und das ist eine wirklich einschneidende Veränderung." Die Autorin spricht von einer nicht-vollen Zugehörigkeit zur Gesellschaft: Niemand ist mehr vollständig und umfassend Teil einer Gemeinschaft beziehungsweise ist Zugehörigkeit nicht mehr selbstverständlich. 

Diese Pluralisierung verändert unsere Identität, indem wir keine klar definierten Gestalten in Gemeinschaft mit anderen mehr sind (etwa: Staatsbürgerin). Dieser alte, erste Individualismus wurde schon im Zuge der 1968er-Revolution infrage gestellt, wo Identitätspolitik - die Rolle individueller Identität für politisches Handeln - erstmals die Bühne betrat. Der zweite Individualismus zeichnet sich durch flexible politische Zugehörigkeit aus, während er selbst Identität als unveränderbar begreift: Man ist unveränderlich schwarz, homosexuell oder eine Frau. Auch diese Form von Individualismus ist laut Charim überholt. Sie spricht vom mittlerweile dritten Individualismus, der in der pluralisierten Gesellschaft wurzelt. Dieser Individualismus ist im Kontext erodierender Bezugssysteme zu verstehen: als "Weniger-Ich", ein gespaltenes Individuum in einer Gesellschaft mit multiplen Optionen, welches in ständiger Ungewissheit und Offenheit lebt. "Das verlangt dem Einzelnen viel ab: Er muss sich seiner eigenen Identität versichern. Wir müssen uns selbst ständig unserer eigenen Identität versichern" - ein identitäres Prekariat, welches von jedem anders erlebt wird und ein Nebeneinander von Lebenswelten statt ein Miteinander bedingt. 

Die Konsequenzen einer pluralisierten Gesellschaft mit "nicht-vollen Individuen" zeigen sich vor allem in neu definierten Rollen von Religion, Kultur und der Politik. Charim argumentiert, dass es zwar eine Rückkehr der Religion gibt (vor allem in Hinblick auf den Islam), dass aber Religion trotzdem vollkommen neu zu verstehen sei: Früher waren Gesellschaften religiös homogen; nun stehen eine Vielzahl von Glaubensformen (und auch Nicht-Glauben) einander gegenüber. Damit relativiert sich auch der Glaube, da er letztendlich eine bewusste Entscheidung der Gläubigen darstellt. Im Bereich Kultur konstatiert Charim eine Rückkehr der Tradition als Form der Abwehr gegenüber der pluralisierten Gesellschaft. Das Überbetonen von Tradition zeigt sich in islamistischen Strömungen, die versuchen, eine Orthodoxie zu rekonstruieren und damit Identität zu stärken, ebenso in Diskussionen rund um die Leitkultur, der Rückkehr der Tracht und des "heimattümelnden" Schlagers. Damit sollen die "prekarisierten Identitäten" mit Sicherheit versorgt werden. 

Was Politik anbelangt, hat sich das Konzept der Partizipation fundamental verändert: Partizipationsformen im dritten Individualismus sind kurzlebig, fluid, unhierarchisch, flexibel. Dazu kommt ein grundsätzliches Misstrauen gegenüber Institutionen und Parteien, während politisches Handeln zunehmend von Emotionen getrieben wird - vor allem von Empörung, aber auch vom Begehren nach Anerkennung. Zwangsläufig werden politische "Lebensläufe" damit bunter; Loyalitäten verschwinden - man folgt allein dem eigenen spontanen moralischen Anspruch und erwartet die Umsetzung politischer Glücksversprechen ohne Aufschub. "Politischer Hedonismus" nennt Charim dieses Verhalten. 

Damit leitet die Autorin zum Thema Populismus über, dessen Erfolg darauf beruhe, (negative) Emotionen zu kanalisieren und sogenannte unteilbare Konflikte (jene um Identitäten, Kultur, Werte) zu hegen. Dazu kommt ein von Populisten neu inszenierter Politikertypus: der Narzisst, dessen Attraktion auf Wähler allein darauf beruht, sich Dinge herauszunehmen, die man sich selber wünschen würde - ein Stellvertreter und keine übergeordnete Autorität mehr. Populisten treten zudem als entschiedene Gegner linker Identitätspolitiken auf und punkten damit bei den Wählern. Tatsächlich ist vor allem in den USA die ursprünglich emanzipatorische Identitätspolitik gekippt in eine "höchst gesteigerte Empfindsamkeit" mit einem "strategischen Vorteil des Opferstatus, aus dem nunmehr Anspruch auf Bevorzugung und moralische Überlegenheit abgeleitet wird". Im Grunde ist diese gekippte Identitätspolitik eine Abwehr gegen die pluralisierte Gesellschaft, nur eben vonseiten der Linken: Man hält an unveränderbaren, fixen Identitäten fest und steigert sie ins Maßlose. 

"Was tun?", fragt die Autorin am Schluss - nur um zu bemerken, dass man nichts tun kann: "Die Frage ‚Was tun?‘ gibt sich der irrigen Hoffnung hin, es gäbe eine Antwort, es gäbe eine konkrete Anleitung." Das Buch endet ohne konkrete Lösung oder Empfehlung - und damit mit einer Verweigerung einfacher Rezepte. Es wäre freilich spannend, auch die komplizierten Wege auszuloten. Von Birgit Bahtić-Kunrath


Der Demokratie das Überleben sichern


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Steven Levitsky und Daniel Ziblatt sind Staatswissenschaftler in Harvard. Ihr Buch Wie Demokratien sterben. Und was wir dagegen tun können ist ein Augenöffner für alle, die mit Unbehagen auf aktuelle Entwicklungen in Europa und den USA blicken: In klarer, prägnanter Sprache gelingt es den beiden Autoren, antidemokratische Tendenzen im historischen Vergleich einzuordnen und gleichzeitig ein Analyseraster zu entwerfen, anhand dessen man autoritäre Tendenzen erkennen kann - mitsamt Ratschlägen, wie man damit umgehen soll. 

Laut Levitsky und Ziblatt gibt es vier Verhaltensmerkmale, anhand derer autoritäre Politiker und Politikerinnen erkennbar sind: Wenn sie demokratische Spielregeln ablehnen, Gegnern die Legitimität absprechen, Gewalt zumindest tolerieren und bereit sind, bürgerliche Freiheiten von Opponenten zu beschneiden - einschließlich der Medien. Um Autokraten aufzuhalten, müssen demokratische Parteien aller Lager eine geschlossene Front bilden - auch wenn das heißt, mit ungeliebten Konkurrenten zusammenzuarbeiten. Eine Reihe historischer Beispiele zeigt, wie Parteien ihre Wächterfunktion ernst nahmen und Autoritarismus eingehegt werden konnte, etwa in Belgien und Finnland in der Zwischenkriegszeit, während "verhängnisvolle Bündnisse" mit autoritären Figuren - sei es, um sie zu "entzaubern", sei es, um die eigene Macht zu retten - durchwegs schiefgingen (Deutschland, Italien, Venezuela). 

Heute ist die offene faschistische oder kommunistische Diktatur nahezu verschwunden. Vielmehr erodieren Demokratien langsam, "in kaum merklichen Schritten" - durch gewählte Regierungen mit autoritären Ambitionen: "Der demokratische Rückschritt beginnt heute an der Wahlurne." Autoritäre Regierungen hebeln die Demokratie aus, indem Gerichte und Verwaltung mit Parteigängern besetzt, Medien und Wirtschaft gefügig gemacht und politische Regeln so definiert werden, dass Oppositionsarbeit eine Herausforderung wird - etwa durch ein die Mehrheit stärkendes Wahlrecht. 

Auf die USA umgelegt zeigen Levitsky und Ziblatt, dass die amerikanische Demokratie lange Zeit erstaunlich stabil war und vor allem die Parteien als demokratische Wächter fungierten, die Extremisten von der Macht fernhielten. Mit der Einführung flächendeckender Vorwahlen wurde das Nominierungsverfahren zwar demokratisiert, aber auch offener für extremistische Randfiguren. Als solche sehen die Autoren den aktuellen Präsidenten Donald Trump - ein Resultat einer "großen republikanischen Abdankung". 

Die Autoren betonen, dass eine stabile Demokratie "Leitplanken" jenseits der Verfassung braucht: "Reichen verfassungsmäßige Sicherheitsvorkehrungen allein aus, um die Demokratie zu schützen? Wir meinen: nein. Selbst gut durchdachte Verfassungen versagen manchmal." Vor allem braucht es informelle Regeln, die von allen akzeptiert werden: gegenseitige Achtung, das heißt, politische Gegner werden prinzipiell als legitim akzeptiert, und institutionelles Zurückhalten, das heißt, dass legistische Möglichkeiten nicht bis ins Letzte (und meist unilateral) ausgereizt werden. Ein grundsätzliches Problem stellt das Auseinanderdriften von politischen Positionen dar: "Polarisierung kann demokratische Normen zerstören. Wenn sozioökonomische, ethnische oder religiöse Differenzen extrem parteilich werden, sodass sich die Gesellschaft in politische Lager spaltet, deren Weltanschauungen nicht nur unterschiedlich sind, sondern sich gegenseitig ausschließen, sind Toleranz und Achtung kaum noch aufrechtzuerhalten." Rare persönliche Begegnungen der politischen Konkurrenten führen zu einem Bedrohungsgefühl, welches die gegenseitige Achtung und Zurückhaltung unterminiert. Die Folge: Jeder kämpft mit allen Mitteln für den eigenen Sieg, die Rhetorik wird radikaler, befeuert von rechtskonservativen Medien; Verschwörungstheorien halten in die Politik Einzug. 

Wie kann man die Demokratie in Zeiten der Krise retten? Levitsky und Ziblatt befürchten ein Fortschreiten der Polarisierung, eine verschärfte institutionelle Kriegführung und damit ein politisches System, "das ständig am Rand der Krise entlangtaumelt". Um dem zu entgehen, müssen sich gegenseitige Achtung und institutionelle Zurückhaltung wieder durchsetzen. Das heißt, Demokraten müssen von radikalen Maßnahmen Abstand halten, auch wenn sie dazu dienen, undemokratische Gegner einzuhegen. Zudem müssen Gräben überwunden werden und Gegnern muss die gleiche Legitimität zugesprochen werden, die man für sich selbst in Anspruch nimmt. Die Überwindung der Spaltung ist der entscheidende Schritt, um sicherzustellen, dass unsere Demokratien Zukunft haben - inklusive einer programmatischen Erneuerung der politischen Parteien und einer Sozialpolitik, die Menschen vor dem wirtschaftlichen Absturz bewahrt. Das alles ist schwierig, aber machbar - und notwendig, um der Demokratie das Überleben zu sichern. 

Die Publikation der Stunde für alle engagierten Staatsbürger, die sich nicht mit der Erosion demokratischer Institutionen und Werte abfinden wollen. Von Birgit Bahtić-Kunrath


Plädoyer für Vernunft, Wissenschaft, Fortschritt und Humanismus


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Steven Pinker sorgt für Aufsehen. Zunächst in der englischsprachigen Welt. Und wie schon nach Erscheinen der englischen Ausgabe löst Steven Pinkers Buch Aufklärung jetzt nun auch im deutschsprachigen Raum wichtige Debatten aus. Pinker wurde bei uns bekannt, als er in seinem Buch Gewalt vorrechnete, wie sich die Welt verbessert, wie Mordraten sinken, wie Mitgefühl für immer mehr Menschen aufgebracht wird und wie die Wahrscheinlichkeit, in einem Krieg zu sterben, abnimmt. Pinker legt nun nach. Er argumentiert, dass nicht nur die Gewalt auf dem Rückzug ist. Seit der Aufklärung steige die Lebenserwartung der Menschen, werde die Versorgungslage mit Nahrung besser, werde das Wasser sauberer, seien Krankheiten in der Defensive und breite sich die Redefreiheit aus. Die Aufklärung besteht für ihn aus der Kombination von Vernunft, Wissenschaft, Fortschritt und Humanismus. 

Diese positive Sicht auf die Entwicklung der vergangenen 300 Jahre seit der Zeit von Immanuel Kant und anderen Denkern der Aufklärung bringt ihn in Konflikt mit vielen Kritikern des Status quo. Den Marxismus ordnet er der deutschen Romantik unter, Umweltschützer sieht er oft gefangen in apokalyptischem Denken. Er wendet sich vehement gegen den Einfluss der Religion, gegen Nationalismus und auch gegen die Postmoderne, die die Erfolge der Aufklärung infrage stellt. 

Pinker setzt Zustände in Perspektive, sieht langfristige Entwicklungen und urteilt auf der Basis der erkennbaren Dynamik. Und diese Entwicklungen sind für ihn gut. Vernunft, Wissenschaft, Humanismus, Fortschritt und Marktwirtschaft bringen die Menschheit voran. Nehmen wir den Bereich Ungleichheit. Pinker bezieht sich hier stark auf die Entwicklungen, die Branko Milanović (Buch des Jahres 2016) für die vergangenen 30 Jahre skizziert hat. Diese zeigen bekanntlich erhebliche Einkommenszuwächse für sehr gut, aber auch für unterdurchschnittlich Verdienende auf dem Planeten. Dann lenkt er unsere Aufmerksamkeit auf den Ausbau der Sozialsysteme seit 1880: In 35 marktwirtschaftlich organisierten Staaten stieg der Anteil der Sozialleistungen am Bruttoinlandsprodukt von weit unter einem Prozent auf rund 25 Prozent. Dass es seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wieder zu einem Auseinanderdriften der Einkommen (gemessen am Gini-Index, also dem statistischen Maß zur Darstellung von Ungleichverteilungen) kommt, nimmt er nicht schwer. "Die moderne Welt kann weiter auf einem guten Weg voranschreiten, selbst wenn der Gini-Index oder die Einkommensanteile der Topverdiener auf diesem hohen Niveau verharren, was sehr gut möglich ist, weil die dafür verantwortlichen Kräfte wirksam bleiben." 

Pinker hält auch die Sorge, dass die Menschheit erbarmungslos jedes Fleckchen der Umwelt plündert, für ein Märchen. Vor allem die Dematerialisierung der Ökonomie sieht er als Entwicklung, die uns hilft. Eine Aludose habe heute nur mehr 14 Gramm, einst waren es 85. Und die Digitaltechnik unterstütze diesen Trend weiter. Der Markt schaffe das nicht allein. In der Marktwirtschaft habe der vernünftige Mensch den Staat und dessen Umweltgesetze genutzt, was "enorme positive Auswirkungen" hatte. Die Klimaveränderung hingegen sieht er weniger entspannt, er nennt die Entwicklung alarmierend. Er kritisiert die Leugner des Klimawandels heftig. Aber Pinker lehnt es ab, die Mechanismen des Marktes bei der Bekämpfung des Problems infrage zu stellen, wie es etwa Naomi Klein macht. "Die aufgeklärte Antwort auf den Klimawandel besteht darin, herauszufinden, wie man mit möglichst wenig Emissionen von Treibhausgasen möglichst viel Energie gewinnt." Zur Dekarbonisierung der Wirtschaft würde eine CO2-Steuer einen Beitrag leisten. Man sollte auch so viele kohlenstoffhungrige Pflanzen wie möglich auf den Plan rufen. Und Pinker setzt auf die Kernenergie. 

Pinker kümmert sich nicht nur um Gleichheit und die Umwelt. Denn er beschäftigt sich unter anderem mit Aspekten wie Gesundheit, Ernährung, Wohlstand, Frieden, Sicherheit, Demokratie und Glück. 

Um die Probleme der Welt auch weiterhin lösen zu können, brauche man einen starken Humanismus. Dieser werde von Religion, Nationalismus und romantischem Heroismus herausgefordert, die um die Herzen der Menschen werben. Es "werden regressive Ideen ihren Reiz behalten, und in unserem Plädoyer für Vernunft, Wissenschaft, Humanismus und Fortschritt dürfen wir niemals nachlassen. Wenn wir unseren hart erkämpften Fortschritt nicht zu schätzen wissen, glauben wir vielleicht eines Tages, dass eine vollkommene Ordnung und weltweiter Wohlstand selbstverständlich sind und jedes Problem ein Ärgernis ist, das danach verlangt, die Übeltäter auszumachen, Institutionen zu zerstören und einem Anführer zur Macht zu verhelfen, der dem Land seine rechtmäßige Größe zurückgeben wird." Von Stefan Wally


Den Kapitalismus transformieren


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Mit Zukunftsfähiges Deutschland hat das Wuppertal Institut bereits 1996 konkrete Pfade eines Kurswechsels beschrieben. Die Mitte 2018 erschienene Publikation Die Große Transformation kann als eine Art Nachfolgewerk betrachtet werden. Mit einem Unterschied: Es werden nicht nur Zukunftspfade skizziert - in der Publikation als "Wenden" bezeichnet -, sondern auch Fragen nach dem Wie des Wandels, den Akteuren sowie den strukturellen Treibern und Barrieren für Veränderung gestellt. 

Der vom Leiter des Wuppertal Instituts Uwe Schneidewind gemeinsam mit über 60 (!) angeführten Co-Autoren und -Autorinnen verfasste Band gliedert sich in drei Abschnitte. Zunächst werden einmal mehr die Herausforderungen und Ansätze eines Kurswechsels beschrieben - von den planetaren Grenzen des Wachstums und einer "doppelten Entkopplung", die neue Technologien und andere Wohlstandsmodelle einfordert, über die Sustainable Development Goals bis hin zu einer "dekarbonisierten Weltwirtschaft" sowie einer "8-Tonnen-Gesellschaft". Von "drei Transformationsschulen" wird dabei gesprochen, die - so Schneidewind - kombiniert werden müssen: (1) Veränderung über neue Technologien und Infrastrukturen, (2) Veränderung durch neue institutionelle Regelwerke und (3) Veränderung durch neue Ideen, also andere, spannende Erzählungen von einem guten Leben, globalen Gerechtigkeitsvorstellungen und Wertesystemen. Schneidewind spricht hier von "nachhaltiger Entwicklung als kulturelle Revolution". 

Im zweiten Abschnitt werden sieben "Wenden" näher ausgeführt: die Wohlstands- und Konsumwende, die Energiewende, die Ressourcenwende, die Mobilitätswende, die Ernährungswende, die urbane Wende und schließlich die industrielle Wende. Das gesamte Know-how der Wuppertaler Nachhaltigkeitsschmiede fließt in diese Zukunftsszenarien ein, wobei auch weniger bekannte Aspekte wie die Chancen einer digitalen Kreislaufwirtschaft beschrieben werden. 

Im dritten Abschnitt "Akteure - Transformation in geteilter Verantwortung" werden die Rolle der Zivilgesellschaft, der Politik, der Wirtschaft und der Wissenschaft beleuchtet. Das "Wuppertaler Transformationsmodell" geht vom Zusammenwirken der genannten Akteure auf verschiedenen Ebenen aus, wobei Pionieren des Wandels eine Katalysatorfunktion zugeschrieben wird. Als "Zukunftskunst" gilt demnach die "Beeinflussung von Transformationsprozessen in ihren technologischen, ökonomischen, institutionellen und kulturellen Dimensionen". 

Der Kapitalismus soll dabei nicht überwunden, sondern eben transformiert werden. Dies sei nicht nur aus ökologischen, sondern auch aus sozialen, individualpsychologischen und demokratischen Gründen nötig. Reformansätze seien bekannt, nur noch nicht umgesetzt. Auf globaler Ebene brauche es eine CO2-Besteuerung, die Einrichtung von Klimafonds, eine modifizierte Handelspolitik, eine Finanztransaktionssteuer sowie die Ausweitung der Commons. Auf EU-Ebene werden ein verändertes Wettbewerbsrecht mit einem Externalisierungsverbot, ein Kreislaufwirtschaftsgesetz, die Reduzierung des Steuerwettbewerbs sowie der soziale Ausgleich zwischen den Staaten gefordert. Auf nationaler Ebene seien der bewusste Erhalt/Aufbau öffentlicher Industrien/Sektoren sowie die Umsetzung neuer Formen sozialer Sicherung, etwa durch ein Grundeinkommen, denkbar. Auf lokaler Ebene werden das Schaffen von Gemeinwohl-Flächen und -Räumen sowie die Einführung von Regionalgeld genannt. 

Die Autoren hoffen auch auf den Einfluss kritischer Konsumenten im Sinne einer "Moralisierung der Märkte", um die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle, etwa der Sharing-Ökonomie, der Service-Märkte oder des fairen Handels voranzutreiben. Vorausschauendes Handeln werde für die Wirtschaft in einer Zeit großer Umbrüche immer wichtiger. Resiliente Unternehmen würden "die Zukunft antizipieren und dabei dennoch ökonomische Stabilität unter aktuellen Marktbedingungen gewährleisten können". Schließlich setzen die Experten darauf, dass sich immer mehr Unternehmen auch als gesellschaftliche Akteure begreifen und neben den vom Shareholder Value getriebenen multinationalen Konzernen, Familien-, Genossenschafts- oder stiftungsbasierte Unternehmen sowie neue Formen kollaborativer Ökonomie an Bedeutung gewinnen. Notwendig sei aber, dies wird mehrfach betont, ebenso die Transformation von Großunternehmen in Kernbereichen wie Mobilität, Ernährung, Immobilien- und Finanzwirtschaft, was durch Dialog und politische Vorgaben erreicht werden müsse. 

Der Band bietet eine Fülle an Anregungen und Konzepten aus der Wissenschaft, wie eine Transformation in nachhaltige Gesellschaften in einem Mehrebenensystem angegangen werden kann. Neu ist - und das mögen manche kritisieren -, dass nicht mehr von Bekämpfung oder gar Abschaffung des Kapitalismus gesprochen wird, sondern von seiner Transformation. Entscheidend wird freilich sein, ob den Treibern der Nicht-Nachhaltigkeit, also den immensen Gewinnen aus dem Verbrennen fossiler Energie (eine Abkehr davon würde ja für die Betreiber einer gigantischen Wertvernichtung gleichkommen) bis hin zum blinden Konsumwachstum, Einhalt geboten werden kann. Von Hans Holzinger 



Zitate


"Es gibt keine selbstverständliche Kultur, keine selbstverständliche Zugehörigkeit mehr. Und das ist eine wirklich einschneidende Veränderung." Isolde Charim: Ich und die Anderen

"Polarisierung kann demokratische Normen zerstören. Wenn sozioökonomische, ethnische oder religiöse Differenzen extrem parteilich werden, sodass sich die Gesellschaft in politische Lager spaltet, deren Weltanschauungen nicht nur unterschiedlich sind, sondern sich gegenseitig ausschließen, sind Toleranz und Achtung kaum noch aufrechtzuerhalten." Steven Levitsky, Daniel Ziblatt: Wie Demokratien sterben

"Die aufgeklärte Antwort auf den Klimawandel besteht darin, herauszufinden, wie man mit möglichst wenig Emissionen von Treibhausgasen möglichst viel Energie gewinnt." Steven Pinker: Aufklärung jetzt

"In unserem Plädoyer für Vernunft, Wissenschaft, Humanismus und Fortschritt dürfen wir niemals nachlassen." Steven Pinker: Aufklärung jetzt

"Die Große Transformation gilt es als einen Prozess zu verstehen, der von vielen Akteuren gestaltet wird. Ausgestattet mit einem klar definierten normativen Kompass geht es um die Fähigkeit, in komplexen gesellschaftlichen, kulturellen, ökonomischen und technologischen Prozessen zu navigieren." Uwe Schneidewind: Die Große Transformation

 

changeX 07.12.2018. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

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Quellenangaben

Zu den Büchern

: Die Große Transformation. Eine Einführung in die Kunst gesellschaftlichen Wandels. Verlag S. Fischer, Frankfurt am Main 2018, 520 Seiten, 12 Euro (D), ISBN 978-3-596-70259-6

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: Aufklärung jetzt. Für Vernunft, Wissenschaft, Humanismus und Fortschritt. Eine Verteidigung. Verlag S. Fischer, Frankfurt am Main 2018, 736 Seiten, 26 Euro (D), ISBN 978-3-10-002205-9

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: Ich und die Anderen. Wie die neue Pluralisierung uns alle verändert. Zsolnay Verlag, Wien 2018, 223 Seiten, 22 Euro (D), ISBN 978-3-553-05666-0

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: Wie Demokratien sterben. Und was wir dagegen tun können. DVA, München 2018, 320 Seiten, 22 Euro (D), ISBN 978-3-421-04810-3

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Autorin

Birgit Bahtić-Kunrath, Stefan Wally, Hans Holzinger
Birgit Bahtić-Kunrath, Stefan Wally, Hans Holzinger

Birgit Bahtić-Kunrath ist Mitarbeiterin, Hans Holzinger Mitarbeiter und Stefan Wally Geschäftsführer der Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen. Die Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen (JBZ) in Salzburg versteht sich als Einrichtung einer kritischen und kreativen Zukunftsforschung. Nach der Stiftungserklärung Robert Jungks ist es ihr Auftrag, "mögliche, wahrscheinliche, gewünschte oder unerwünschte Zukünfte" in den Blick zu nehmen und der interessierten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Engagiert in den Bereichen Bildung, Wissenschaft und Kultur und dabei regional, national und international aktiv, sind Zukunftsorientierung, Interdisziplinarität und Unabhängigkeit im Sinne der Prinzipien Robert Jungks für sie von zentraler Bedeutung. Die JBZ publiziert das vierteljährlich erscheinende Magazin Pro Zukunft, das sich als Radar für zukunftsrelevante Publikationen versteht, und organisiert Veranstaltungen und Tagungen.

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