Für jeden Fall

Einführung in die Fallbesprechung und Fallsupervision - das neue Buch von Oliver König und Karl Schattenhofer
Rezension: Katja Reichgardt

Im Alltag, vor allem im Berufsalltag, kommt es immer wieder zu Problemen und Konflikten mit unzufriedenen und frustrierten Beteiligten. Ein Mittel zur Problemlösung bieten die Fallbesprechung und Fallsupervision. Einzelne, problematische Situationen werden genau betrachtet und reflektiert, um anschließend gemeinsam neue Lösungs- und Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln. Ein neuer Ratgeber zeigt, worauf es dabei ankommt.

cv_koenig_schattenhofer_140.jpg

Wer professionell mit Menschen zusammenarbeitet, also die Mehrzahl der Berufstätigen, stößt immer wieder an seine Grenzen. Zum Beispiel, wenn die Arbeit sich nicht so entwickelt wie geplant oder angestoßene Prozesse stagnieren. Schnell kommen bei den Beteiligten dann Unzufriedenheit, Frustration und Ärger auf. Genau an dieser Stelle sollen Fallbesprechungen helfen. Indem sie den Dingen auf den Grund gehen. Was ist der Fall? Was steckt dahinter? Und was heißt das für mein Tun? Diese drei Fragen suchen Fallbesprechungen zu beantworten. Selbstreflexion spielt dabei eine zentrale Rolle. Dieser nehmen sich Oliver König und Karl Schattenhofer in ihrem neuen Ratgeber Einführung in die Fallbesprechung und Fallsupervision, erschienen im Carl-Auer Verlag, an. Königs und Schattenhofers Buch zeigt Fallbesprechungen aus ihrer Sicht, also aus der Perspektive von Supervisoren oder "Beziehungsarbeitern", wie sie es selber sind. Das Buch richtet sich aber nicht nur an Supervisoren, sondern an potenzielle Teilnehmer von Fallbesprechungen wie Lehrer, Pädagogen, Führungskräfte und Angestellte.  

Die Autoren suchen dabei einen grundsätzlichen Zugang zum Thema. Was nach ihrer Meinung bei aktuellen Methoden aus dem Blick gerät, ist der Umstand, dass Fallbesprechungen zwei Komponenten haben. Neben dem "Dort und Damals" des besprochenen Falls spielt immer auch das "Hier und Jetzt" eine entscheidende Rolle. Fallbesprechungen seien besondere soziale Situationen, in denen ein komplexes Wechselspiel von Falldynamik und Gruppendynamik herrscht.


Von Fall zu Fall


Für Gruppenleiter bedeutet das, dass sie jeden Fall individuell angehen und individuell auf die jeweilige Gruppe eingehen müssen. Die Trainer unterstützen die Teilnehmer in ihrer persönlichen Entwicklung und helfen, Kommunikation und Kooperation im Kontext beruflicher Arbeit grundlegend zu verbessern. Gemeinsames Erörtern von Problemen und das Finden von adäquaten Lösungen gehören genauso dazu, wie neue Impulse für Team- und Projektarbeiten, Krisenbewältigung und Konfliktregulierung zu setzen. Teilnehmer können ihre persönlichen Grenzen austesten und im besten Fall erweitern, die Zusammenarbeit mit Kollegen verbessern und neue Handlungsperspektiven entwickeln.  

Die Gruppe oder das Team spielt in jeder Fallbesprechung eine wichtige Rolle. "Einer alleine käme nicht zum Ziel. Die Auseinandersetzung mit der gemeinsamen Aufgabe bringt ein dauerhaftes soziales System eigener Art hervor, in dem bestimmte Normen gelten (was darf man, was nicht), in dem es unterschiedliche Rollen und Funktionen gibt und dann auch eine gemeinsame Geschichte", erklären die Autoren.


Aus der Praxis für die Praxis


In ihrem Ratgeber beschreiben König und Schattenhofer Situationen aus ihrem Alltag als Supervisoren. Dabei halten sie sich immer an die erlebte Praxis. So werden Fallbesprechungen im Team, in der Ausbildungsgruppe und in der Organisation anhand von Beispielen anschaulich erklärt und die einzelnen Phasen der Fallbesprechung vorgestellt. Zunächst gilt es, den Fall kurz darzustellen und vom sogenannten Falleinbringer erklären zu lassen. Im Anschluss stellen die Berater ihre Rückfragen, bringen ihre Eindrücke und Wahrnehmungen ein und suchen dann gemeinsam mit allen Teilnehmern nach Handlungsalternativen. Schließlich wird das weitere Vorgehen geplant.  

In den folgenden Kapiteln gehen die Autoren näher auf die speziellen Anforderungen an Leiter von Fallbesprechungen ein und stellen konkrete Fälle vor. Dadurch zeichnen sie ein umfassendes Bild der Fallsupervision und unterstreichen die Vielschichtigkeit potenziell eintretender Fälle. Motto: "Aus der Praxis für die Praxis."


Authentische Einblicke in den Alltag von Trainern


Fazit: Mit ihrem Buch bieten Oliver König und Karl Schattenhofer einen ganzheitlichen Überblick über Fallbesprechungen in verschiedensten Settings. Dabei belassen sie es nicht bei theoretischen Erörterungen, sondern orientieren sich an realen Fällen. Von der historischen Entstehung bis hin zu Phasenmodellen, an denen sich jeder Supervisor entlanghangeln kann, präsentieren sie stringent alles Wissenswerte rund um das Thema und eröffnen zugleich authentische Einblicke in den Alltag von Trainern. Dass die beiden, selber Trainer für Gruppendynamik, aus einem reichen Erfahrungsschatz schöpfen können, merkt man dem Buch genauso an wie die Absicht der beiden, so praxisorientiert wie nur möglich zu schreiben. Wer als Beziehungsarbeiter andere in Fallbesprechungen begleitet oder sich selbst in einer beruflichen Sackgasse befindet, findet in diesem Buch den passenden Ratgeber.  


Zitate


"Genau darauf zielt eine Fallbesprechung ab: Es wird eine Gesprächssituation geschaffen, in der ein Fall, das heißt eine spezifische berufliche Situation in ihrer Besonderheit besprochen werden kann, damit vor einem erweiterten Verständnis mögliche nächste Schritte und Handlungsoptionen entwickelt werden können." Oliver König, Karl Schattenhofer: Einführung in die Fallbesprechung und Fallsupervision

"Fallbesprechungen finden in unterschiedlichen Kontexten und Formen statt: als kollegiale Beratung, als Gruppensupervision, als Praxisanleitung für neue oder auszubildende Mitarbeiter, als Fallkonsultation im Gesundheitsbereich et cetera. In unserem Buch schreiben wir über Fallbesprechungen aus unserer Perspektive als Supervisoren, die für ‚Beziehungsarbeiter‘ in den verschiedenen Feldern helfender und erziehender Berufe, für Führungskräfte, Projektleiter, Personalverantwortliche et cetera und im Zusammenhang mit der Aus- und Fortbildung von Beraterinnen, Gruppendynamikern und Supervisorinnen über lange Jahre Fallbesprechungen geleistet haben." Oliver König, Karl Schattenhofer: Einführung in die Fallbesprechung und Fallsupervision

"Wir haben es bei Fallbesprechungen mit drei unterschiedlichen sozialen Systemen zu tun, die sowohl miteinander in Beziehung gesetzt wie auch voneinander abgegrenzt werden müssen. Die Schlüsselperson, die alle diese Systeme miteinander verbindet, ist der Falleinbringer, der als Teil des Hilfesystems seine professionelle Interaktion mit dem Klientensystem zur Beratung in der Gruppe vorstellt." Oliver König, Karl Schattenhofer: Einführung in die Fallbesprechung und Fallsupervision

 

changeX 12.09.2017. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

cav

Carl-Auer Verlag

Weitere Artikel dieses Partners

Systemtheorie in 66 Geboten

66 Gebote systemischen Denkens und Handelns - das neue Buch von Torsten Groth zur Rezension

Macht der Geschichten

Einführung in narrative Methoden der Organisationsberatung - das neue Buch von Michael Müller zur Rezension

Die Haltung machts

Mechtild Erpenbeck über die systemische Haltung im Coaching zum Interview

Ausgewählte Links zum Thema

Quellenangaben

Zum Buch

: Einführung in die Fallbesprechung und Fallsupervision. Carl-Auer Verlag, Heidelberg 2017, 128 Seiten, 14.95 Euro (D), ISBN 978-3-8497-0182-6

Einführung in die Fallbesprechung und Fallsupervision

Buch bestellen bei
Amazon
jpc
Managementbuch
Osiander

Autorin

Katja Reichgardt
Reichgardt

Katja Reichgardt ist freie Journalistin in Berlin. Sie schreibt als freie Mitarbeiterin für changeX.

nach oben