Nicht mehr im Mittelpunkt

Christian Schuldt über die Neukonfiguration des Ich in der Netzwerkgesellschaft
Interview: Winfried Kretschmer

Beinahe ist nahtlos der lange Prozess der Individualisierung in eine Hyperindividualisierung übergegangen. In eine übersteigerte Ich-Zentrierung, in der das Individuum sich als Dreh- und Angelpunkt der Welt wahrgenommen hat. Das könnte bald Vergangenheit sein. Könnte. Doch was käme danach? Der Soziologe Christian Schuldt hat sich auf eine "Expedition zum nächsten Ich" begeben. In unserem Interview beschreibt er, wie diese neue Identität aussehen könnte: das Ich nicht mehr im Mittelpunkt, sondern als Knotenpunkt eines größeren Ganzen.

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Was kommt nach dem Egowahn? In seinem Buch Das nächste Ich geht Christian Schuldt der Frage nach, wie sich das Ich in der hochgradig vernetzten Welt von heute neu konfigurieren könnte. Ein Thema für ein Interview.
Bereits mehrmals hat sich changeX mit dem Soziologen und Zukunftsforscher zum Interview verabredet. Immer ging es dabei um den Wandel zu einer nächsten Gesellschaft und die Schlüsselbegriffe, die notwendig sind, um diesen zu verstehen: "Komplexität", "Kontingenz" und "System" vor allem. Thema unseres ersten Gesprächs vor elf Jahren war, was dieser Wandel für unsere Vorstellung von Jugend bedeutet. Schuldts These damals: Jugend wird fluide, Generation als Konzept löst sich auf. In seinem neuen Buch geht es nun um das Ich in der nächsten Gesellschaft, um Das nächste Ich, so der Titel. Die These überrascht: Das Individuum begreift sich zunehmend nicht mehr als isolierte Singularität, sondern als Teil größerer Zusammenhänge. 


Herr Schuldt, was bedeutet Ihre These? Löst sich das Individuum auf? 

Nein, ich glaube nicht, dass sich das Individuum auflöst. An ein Ende gelangt aber eine bestimmte Vorstellung von Individualität und Identität, nämlich die Idee eines autonomen, in sich selbst gegründeten und weitgehend unabhängigen Selbst. Dieses Konzept ist in den vergangenen Jahrzehnten noch einmal enorm gesteigert worden: Wir sollen einzigartig sein, unseren eigenen Weg finden und uns permanent weiterentwickeln - das Ich als permanentes Projekt. Und zugleich wird heute immer klarer, dass genau diese Steigerungsdynamiken die Ursache vieler Erschöpfungs- und Überforderungserfahrungen sind.
 

Ist diese extreme Individualisierung - die Hyperindividualisierung - an ein Ende gekommen? 

Ich sehe keine Abkehr von der Individualisierung, sondern vielmehr eine Verschiebung ihres Verständnisses. Das "nächste Ich" ist nicht weniger individuell als das moderne oder postmoderne Ich, aber es versteht sich anders: nicht als isolierte Singularität, sondern als Knotenpunkt vielfältiger Beziehungen. Seine Identität entsteht nicht gegen andere, sondern mit anderen. Die eigentliche Frage ist also nicht, ob das Individuum verschwindet, sondern welche Form von Individualität unter den Bedingungen einer hochvernetzten Gesellschaft tragfähig ist. Meine Antwort wäre: eine relationale Individualität, die Eigenständigkeit und Verbundenheit nicht länger als Gegensätze versteht.
 

Ihre Antwort zeigt, dass wir mit einfachen Entweder-oder-Kategorisierungen wie Individuum versus Gemeinschaft nicht weiterkommen. Versuchen wir es mal mit Dialektik? Konfiguriert sich das Individuum, nachdem es sich aus sozialen Bindungen herausgelöst hat, nun auf gemeinschaftlicher Ebene neu? 

In gewisser Weise ja. Die Geschichte der Moderne lässt sich ja durchaus als fortschreitende Individualisierung beschreiben: Das Individuum löst sich zunehmend aus vorgegebenen Bindungen und gewinnt immer mehr Freiheit zur Selbstbestimmung. In der Spät- oder Postmoderne wird diese Entwicklung noch einmal radikalisiert - das Ich soll nicht nur einzigartig und authentisch, sondern auch permanent entwicklungsfähig sein. 

Gerade diese Zuspitzung macht aber auch die Grenzen des Modells sichtbar. Je stärker das Individuum auf sich selbst zurückgeworfen wird, desto deutlicher zeigt sich, dass Identität, Orientierung und Handlungsfähigkeit nie allein aus dem Einzelnen hervorgehen. In diesem Sinne entsteht aus den Widersprüchen der Hyperindividualisierung tatsächlich etwas Neues.
 

Lässt sich insofern von einer Umkehr der Entwicklung sprechen? 

Es geht nicht um eine Rückkehr zur Gemeinschaft im klassischen Sinn, denn das nächste Ich bleibt hochgradig individuell - aber es versteht seine Individualität anders: nicht als "Singularität", sondern als Fähigkeit, sich in Beziehungen zu verwirklichen. Man könnte deshalb tatsächlich sagen: Das nächste Ich ist eine Synthese, die Autonomie und Verbundenheit auf einer neuen Ebene zusammenführt.
 

Treiber der Individualisierung war die Loslösung von vorgegebenen Bindungen und Normen. Hinzu kam, dass in einer sich ausdifferenzierenden Gesellschaft Zahl und Vielfalt der verfügbaren Identitätsangebote wächst. Was bewirkt nun die Umkehr dieser Entwicklung? Oder: ihre Überlagerung durch einen gegenläufigen Trend hin zu Zusammenhang und Beziehung? 

Ja, ich würde tatsächlich eher von einer Überlagerung als von einer Umkehr sprechen. Die Individualisierung verschwindet nicht, sondern wird ergänzt durch eine neue Erfahrung: die Erfahrung wachsender wechselseitiger Abhängigkeiten. Den entscheidenden Treiber sehe ich in der zunehmenden Komplexität der gesellschaftlichen Umwelt. Digitalisierung, globale Vernetzung, ökologische Krisen und natürlich auch die rasante Entwicklung von KI machen immer deutlicher, dass jedes individuelle Handeln grundsätzlich in größere Zusammenhänge eingebettet ist. Die Vorstellung, man könne sein Leben, seine Identität oder sogar seinen Erfolg weitgehend aus eigener Kraft hervorbringen, wird dadurch zunehmend fragwürdig. 

Interessanterweise entsteht daraus aber kein neues Kollektivdenken. Vielmehr wächst das Bewusstsein dafür, dass Eigenständigkeit überhaupt erst in Beziehungen möglich wird. Wir werden also nicht weniger individuell - aber wir erkennen stärker die Voraussetzungen unserer Individualität. Deshalb verstehe ich das "nächste Ich" auch nicht als moralisches Ideal, sondern vielmehr als eine Anpassungsleistung. In einer hochvernetzten Gesellschaft wird ein relationales Selbstverständnis schlicht realistischer als die Vorstellung eines Selbst, das autonom und unabhängig von seinen Umwelten existiert.
 

Wenn sich hier zwei gegenläufige Entwicklungen überlagern, ist Ambivalenz, Uneinheitlichkeit, Unschärfe die Folge. Hilft es, solche vielgestaltigen Phänomene als paradox zu charakterisieren? 

Den Begriff des Paradoxen halte ich tatsächlich für sehr hilfreich. Allerdings nicht, weil er Widersprüche auflösen würde, sondern weil er sichtbar macht, dass viele Entwicklungen der Gegenwart gerade nicht mehr eindeutig einer Seite zugeordnet werden können. Das "nächste Ich" ist dafür ein gutes Beispiel: Es soll eigenständig sein, aber zugleich kooperationsfähig. Es braucht Orientierung, muss aber mit Unsicherheit umgehen können. Es strebt nach Identität, aber bleibt dennoch offen für Veränderung. Solche Spannungen lassen sich nicht zugunsten einer Seite entscheiden, ohne etwas Wesentliches zu verlieren. 

In diesem Sinne sind Paradoxien keine Denkfehler, sondern Hinweise auf eine komplexe Wirklichkeit. Sie zwingen uns, scheinbare Gegensätze gleichzeitig im Blick zu behalten. Genau deshalb spielen Begriffe wie Oszillation, Ambiguität oder relationale Identität im Buch auch eine so wichtige Rolle.
 

Könnten Sie bitte die eben angedeuteten Spannungen, in denen sich das nächste Ich bewegt, ein wenig ausführen? Woran arbeiten sich die Menschen auf der Suche nach ihrer Identität heute ab? Und was rechtfertigt es, diese Identität tatsächlich als das "nächste Ich" zu bezeichnen? 

Der Begriff des "nächsten Ich" lehnt sich bewusst an die Idee der "nächsten Gesellschaft" an, wie sie zunächst von Peter Drucker und später insbesondere von Dirk Baecker beschrieben wurde. Gemeint ist die These, dass die digitale Vernetzung ähnlich tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen hervorbringt wie einst die Schrift oder der Buchdruck. Wenn sich die dominante Gesellschaftsform verändert, verändern sich auch die Formen der Identität. 

Die Spannungen, in denen sich dieses nächste Ich bewegt, ergeben sich aus einer einfachen Beobachtung: Mit zunehmender Vernetzung werden die Anforderungen an Individuen, wie soeben schon umrissen, widersprüchlicher. Viele Menschen erleben diese Anforderungen heute als Überforderung, weil sie sich nicht mehr eindeutig auflösen lassen. Genau hier stoßen die Leitbilder des autonomen, performativen Selbst an ihre Grenzen. Sichtbar wird stattdessen ein Selbstverständnis, das Relationalität, Kontextabhängigkeit und wechselseitige Einbettung stärker berücksichtigt. Das nächste Ich bezeichnet deshalb ein neues Verständnis von Identität, das unter den Bedingungen der nächsten Gesellschaft zunehmend plausibel wird.
 

Wo finden Sie in Literatur und Forschung Hinweise, die diese Beobachtung stützen? Vielleicht bei Hartmut Rosa und dem Begriff der Resonanz? 

Rosas Resonanzkonzept kann hier sicher als ein Bezugspunkt angeführt werden, weil es zeigt, dass gelingende Weltbeziehungen wichtiger werden als die bloße Steigerung von Verfügungs- und Kontrollmöglichkeiten. Andreas Reckwitz wiederum hat die Grenzen der Singularisierung und die Krisen des spätmodernen Subjekts umfassend beschrieben. Und Manuel Castells hat schon früh auf die gesellschaftliche Bedeutung vernetzter Strukturen hingewiesen. 

Die eigentliche theoretische Klammer liefert für mich aber die Theorie der "nächsten Gesellschaft" als einer Netzwerkgesellschaft, wie sie Dirk Baecker im Anschluss an Niklas Luhmann beschrieben hat. Denn erst eine solche "tiefentheoretische" Perspektive erlaubt es, diese unterschiedlichen Beobachtungen nicht isoliert zu betrachten, sondern als Ausdruck eines epochalen Übergangs zu einer neuen Gesellschaftsform zu verstehen. Mein Versuch besteht darin, diese Perspektiven zusammenzuführen.
 

Den Gedanken des Zusammenführens finde ich gut. Theorien bestechen oft durch ihre Eleganz, folgen bei genauerem Hinsehen jedoch einer sehr selektiven Perspektive. Statt exklusiv einer Theorie zu folgen, erscheint es inspirierender - wenngleich anstrengender -, einen Weg dazwischen zu suchen. Welches sind die Perspektiven der genannten Theorien, die es lohnt, sie zusammenzuführen? 

Das erscheint mir ein wichtiger Punkt: Viele zeitdiagnostische Ansätze erfassen zwar wichtige Aspekte der Gegenwart, bleiben aber notwendigerweise auf bestimmte Ausschnitte fokussiert. Reckwitz beschreibt die spätmoderne Logik der Singularisierung, Rosa untersucht die Frage gelingender Weltbeziehungen unter den Bedingungen von Beschleunigung und Entfremdung. Die Systemtheorie verfolgt demgegenüber tatsächlich einen anderen, universellen Anspruch. Sie interessiert sich weniger für einzelne Phänomene als für die gesellschaftlichen Strukturen, die solche Phänomene überhaupt hervorbringen. 

Baeckers Theorie der nächsten Gesellschaft liefert deshalb nicht nur einen weiteren Teilaspekt, sondern einen Rahmen, innerhalb dessen sich Entwicklungen wie Singularisierung, Resonanzsuche, Vernetzung oder digitale Überforderung überhaupt aufeinander beziehen lassen. Aus dieser Perspektive erscheinen viele gegenwärtige Spannungen und Krisen als unterschiedliche Ausdrucksformen eines umfassenderen gesellschaftlichen Übergangs. Mein Buch Das nächste Ich ist der Versuch, diese Veränderungen auf der Ebene der Identität zu beschreiben.
 

Ein Gedanke Baeckers ist mir besonders in Erinnerung - er rekapituliert die gesellschaftlichen Folgen der Verbreitung des Buchdrucks: Während zuvor die Kopierwerkstätten der Klöster die abgeschriebenen Texte gewissermaßen mit einer Wahrheitsgarantie versehen hatten, fehlte den massenhaft verbreiteten Druckerzeugnissen dieses Gütesiegel. Verunsicherung und die Implosion von Wahrheitsansprüchen waren die Folge. Eine lehrreiche Parallele zur Einführung und Verbreitung von Internet und KI? 

Ja, das ist schon bei Luhmann ein zentraler Gedanke, den Baecker auf das digitale Zeitalter übertragen hat: Neue Medien erweitern nicht einfach die Möglichkeiten der Kommunikation, sie verändern ganz grundsätzlich die Bedingungen, unter denen Gesellschaft Wirklichkeit erzeugt. Der Buchdruck machte Wissen in einem bis dahin unbekannten Ausmaß verfügbar und untergrub damit zugleich die bisherigen Autoritäten, die über Wahrheit entschieden hatten. Ohne diese mediale Verunsicherung sind die Reformation, die wissenschaftliche Revolution oder die politischen Umbrüche der Neuzeit kaum denkbar. 

Heute erleben wir tatsächlich etwas Ähnliches: Das Internet hat Informationen nahezu unbegrenzt verfügbar gemacht, soziale Medien haben die Produktion von Öffentlichkeit demokratisiert, KI erzeugt Texte, Bilder und sogar Wissen. Dadurch geraten etablierte Kriterien von Wahrheit, Autorschaft und Expertise erneut unter Druck. Interessant finde ich, dass diese Entwicklung nicht nur Institutionen betrifft, sondern auch das einzelne Individuum. Die Frage "Wem kann ich glauben?" wird dann ergänzt durch die Frage "Worauf kann ich meine Identität überhaupt noch gründen?" An dieser Stelle treffen sich für mich die Theorie der nächsten Gesellschaft und die Frage nach dem nächsten Ich.
 

Soweit zur Theorie. Wir waren aber mit der Paradoxie noch nicht ganz fertig. In ihrem Buch ist die Rede von "Paradoxiekompetenz" und von "Paradoxie als Lösungsprinzip". Es gilt also, Paradoxien nicht nur auszuhalten, sondern als Erkenntnisinstrument zu nutzen? 

Definitiv - wobei ich "Lösung" hier nicht im Sinne einer Auflösung verstehe. Paradoxien werden dann produktiv, wenn wir erkennen, dass beide Seiten zugleich relevant sein können. Wie beschrieben, haben viele Herausforderungen der Gegenwart genau diese paradoxale Form. Wer solche Spannungen primär als Problem begreift, gerät schnell in einen endlosen Entscheidungsdruck. Paradoxiekompetenz bedeutet dagegen die Fähigkeit, scheinbare Gegensätze nicht sofort auflösen zu wollen. Diese Haltung erlaubt es, Komplexität als Teil der Realität zu akzeptieren.
 

Damit sind wir beim Begriff der Oszillation. Luhmann charakterisiert die Paradoxie als Gegenstand einer Beobachtung, "die den Beobachter zum endlosen Oszillieren zwischen zwei Positionen zwingt". Sie schreiben dazu: "Oszillation bildet die Grundbewegung des relationalen Ich." Das Schwanken zwischen Gegensätzen wird zur Grundkonstante der Identität? 

Oszillation ist für mich tatsächlich eine Kernbewegung des nächsten Ich. Das moderne Ideal war häufig die Konsistenz: ein möglichst stabiles Selbst mit klaren Überzeugungen und einer eindeutigen Identität. In einer komplex vernetzten Welt wird dagegen die Fähigkeit wichtiger, zwischen unterschiedlichen Anforderungen, Rollen und Perspektiven zu wechseln, ohne sich dabei selbst zu verlieren. 

Oszillation bedeutet aber keinesfalls Beliebigkeit oder den Verzicht auf klare Standpunkte. Sie beschreibt vielmehr die Fähigkeit, zwischen verschiedenen Polen beweglich zu bleiben - etwa zwischen Nähe und Distanz, Individualität und Gemeinschaft, Stabilität und Veränderung. Das nächste Ich ist also ebenfalls paradox gebaut: Es findet seine Stabilität in der Beweglichkeit. Seine Identität entsteht nicht durch die Auflösung von Gegensätzen, sondern durch die Fähigkeit, sie produktiv miteinander zu verbinden.
 

Selbstoptimierungsratgeber predigen statt Beweglichkeit eher Fixierung: Seinen Fokus finden, wird dort vielfach als Ideal vermittelt, als Produktivitätstool: mehr schaffen, schneller werden, effizienter werden. Doch: Ist der Fokus-Mensch ein Ich-Konzept von gestern? 

"Von gestern" würde ich nicht sagen, denn die Fähigkeit zur Fokussierung bleibt wichtig. Problematisch wird es ja nur dort, wo Fokus zum alleinigen Leitideal erhoben wird. Viele Selbstoptimierungsansätze stammen aus einer Welt, die Erfolg vor allem als Ergebnis individueller Zielverfolgung versteht: klare Prioritäten setzen, Ablenkungen ausschalten, immer effizienter werden. Das greift aber zu kurz, wenn die Herausforderungen selbst immer stärker vernetzt und wechselseitig abhängig sind. 

Das nächste Ich braucht deshalb zunehmend Kompetenzen, die über die Fokussierung hinausgehen - indem sie zugleich das große Ganze im Blick behalten. So wie der Fokus-Mensch seinen Ausschnitt der Welt optimiert, lernt das nächste Ich, die Zusammenhänge zu sehen.
 

Mit dem Begriff "Oszillation" haben wir einen der neun Bausteine des nächsten Ich gestreift, die Sie im letzten Kapitel beschreiben. Was verbindet diese unterschiedlichen Fähigkeiten - von Metabewusstsein über Selbsttranszendenz bis hin zu Rehumanisierung - um drei weitere zu nennen? 

Was alle neun Bausteine verbindet, ist die Einsicht, dass die Herausforderungen der nächsten Gesellschaft nicht allein durch mehr Wissen, mehr Leistung oder mehr Selbstoptimierung bewältigt werden können. Oszillation ist dafür ein gutes Beispiel - als die Fähigkeit, zwischen unterschiedlichen Anforderungen beweglich zu bleiben, ohne sich dabei zu verlieren. Ähnliches gilt für die restlichen Fähigkeiten. Sie helfen dabei, die Komplexität vernetzter Lebenswelten nicht durch Vereinfachung zu verdrängen, sondern konstruktiv mit ihr umzugehen. 

Deshalb sind die neun Bausteine auch keine Checkliste zur Selbstverbesserung. Vielmehr beschreiben sie unterschiedliche Facetten einer relationalen Identität, die gemeinsam auf eine Verschiebung hinweisen: weg vom Ideal des souveränen Egos, das die Welt kontrolliert, hin zu einem Selbst, das seine Handlungsfähigkeit aus Beziehungen, Kontexten und der Fähigkeit zur Kooperation gewinnt.
 

Genügsamkeit, Spielfreude, Entschleunigung und Kollaboration sind vier weitere Fähigkeiten, die durchaus anschlussfähig an aktuelle Diskurse sind. Anders der letzte Begriff: Sympoiesis, vermutlich der theoretisch anspruchsvollste Gedanke, der einen gewaltigen Brückenschlag beinhaltet: nämlich die Einbeziehung indigenen Denkens und indigener Weltbilder in das westlich-anthropozentrische Denken. Oder in systemtheoretischer Begrifflichkeit: die Erweiterung des Konzepts der Autopoiesis zu dem der Sympoiesis. Also vom Gedanken der Selbstorganisation hin zu dem des Mit-Werdens. 

Ja, Sympoiesis ist wahrscheinlich der ungewöhnlichste Begriff des Buches - und zugleich ein sehr zentraler, weil er auf besondere Weise sichtbar macht, dass Leben und Identität niemals nur aus sich selbst heraus entstehen. Ich verstehe Sympoiesis dabei als eine produktive Ergänzung des Autopoiesis-Konzepts: So wie Autopoiesis eindrucksvoll zeigt, dass lebende und soziale Systeme ihre Ordnung aus ihren eigenen Operationen heraus erzeugen, betont Sympoiesis, dass Menschen, Tiere, Technologien und Ökosysteme nicht isoliert voneinander existieren, sondern sich in ihren Beziehungen gegenseitig hervorbringen. Viele indigene Weltbilder kennen diese Vorstellung seit Langem: Der Mensch ist dort nicht Herr seiner Umwelt, sondern Teil eines lebendigen Beziehungsgeflechts.
 

Was bedeutet es für unser Verständnis von Identität, dass dieses Denken nun im Westen ankommt? 

Für das nächste Ich bedeutet das einen Perspektivwechsel. Identität ist dann nicht mehr primär das Ergebnis individueller Selbsterschaffung, sondern Ausdruck gelingender Beziehungen. Auch der Begriff der Sympoiesis spiegelt also die Grundbewegung des Buches: weg vom Ideal der Selbstgenügsamkeit, hin zur Einsicht, dass wir immer schon Mit-Werdende sind.
 

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Christian Schuldt ist Soziologe, Zukunfts- und Kulturforscher. Seit vielen Jahren erkundet er, wie Digitalisierung, Vernetzung und KI unser Selbstverständnis verändern - und welche neuen Formen von Identität und Zusammenleben daraus entstehen. Seine Essays, Studien und Bücher verbinden Gegenwartsdiagnostik mit theoretischer Reflexion und entwickeln so Perspektiven für die Zukunft. 

Das Interview haben wir in einem schriftlichen Austausch von Fragen und Antworten per E-Mail geführt. Die endgültige Fassung wurde vom Interviewpartner gegengelesen. 

 

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Zitate


"Das 'nächste Ich' ist nicht weniger individuell als das moderne oder postmoderne Ich, aber es versteht sich anders: nicht als isolierte Singularität, sondern als Knotenpunkt vielfältiger Beziehungen." Christian Schuldt: Nicht mehr im Mittelpunkt

"Je stärker das Individuum auf sich selbst zurückgeworfen wird, desto deutlicher zeigt sich, dass Identität, Orientierung und Handlungsfähigkeit nie allein aus dem Einzelnen hervorgehen." Christian Schuldt: Nicht mehr im Mittelpunkt

"Das nächste Ich ist eine Synthese, die Autonomie und Verbundenheit auf einer neuen Ebene zusammenführt." Christian Schuldt: Nicht mehr im Mittelpunkt

"Die Individualisierung verschwindet nicht, sondern wird ergänzt durch eine neue Erfahrung: die Erfahrung wachsender wechselseitiger Abhängigkeiten." Christian Schuldt: Nicht mehr im Mittelpunkt

"Es wächst das Bewusstsein dafür, dass Eigenständigkeit überhaupt erst in Beziehungen möglich wird." Christian Schuldt: Nicht mehr im Mittelpunkt

"Identität ist dann nicht mehr primär das Ergebnis individueller Selbsterschaffung, sondern Ausdruck gelingender Beziehungen." Christian Schuldt: Nicht mehr im Mittelpunkt

"Paradoxien sind keine Denkfehler, sondern Hinweise auf eine komplexe Wirklichkeit. Sie zwingen uns, scheinbare Gegensätze gleichzeitig im Blick zu behalten." Christian Schuldt: Nicht mehr im Mittelpunkt

"Neue Medien erweitern nicht einfach die Möglichkeiten der Kommunikation, sie verändern ganz grundsätzlich die Bedingungen, unter denen Gesellschaft Wirklichkeit erzeugt." Christian Schuldt: Nicht mehr im Mittelpunkt

"Paradoxiekompetenz bedeutet die Fähigkeit, scheinbare Gegensätze nicht sofort auflösen zu wollen. Dies erlaubt es, Komplexität als Teil der Realität zu akzeptieren." Christian Schuldt: Nicht mehr im Mittelpunkt

"Das nächste Ich ist paradox gebaut: Es findet seine Stabilität in der Beweglichkeit. Seine Identität entsteht nicht durch die Auflösung von Gegensätzen, sondern durch die Fähigkeit, sie produktiv miteinander zu verbinden." Christian Schuldt: Nicht mehr im Mittelpunkt

"Oszillation ist die Fähigkeit, zwischen unterschiedlichen Anforderungen beweglich zu bleiben, ohne sich dabei zu verlieren." Christian Schuldt: Nicht mehr im Mittelpunkt

"Sympoiesis bedeutet: weg vom Ideal der Selbstgenügsamkeit, hin zur Einsicht, dass wir immer schon Mit-Werdende sind." Christian Schuldt: Nicht mehr im Mittelpunkt

"So wie Autopoiesis eindrucksvoll zeigt, dass lebende und soziale Systeme ihre Ordnung aus ihren eigenen Operationen heraus erzeugen, betont Sympoiesis, dass Menschen, Tiere, Technologien und Ökosysteme nicht isoliert voneinander existieren, sondern sich in ihren Beziehungen gegenseitig hervorbringen. Viele indigene Weltbilder kennen diese Vorstellung seit Langem: Der Mensch ist dort nicht Herr seiner Umwelt, sondern Teil eines lebendigen Beziehungsgeflechts." Christian Schuldt: Nicht mehr im Mittelpunkt

 

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Quellenangaben

Weitere Informationen

Zum Buch

: Das nächste Ich. Identität in der Netzwerkgesellschaft. Velbrück Wissenschaft, Weilerswist-Metternich 2026, 128 Seiten, 20 Euro (D), ISBN 978-3-95832-437-4

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Autor

Winfried Kretschmer
Kretschmer

Winfried Kretschmer ist Autor, Redakteur & Macher bei changeX.

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