Zum Dritten

Unser dritter Buchstreifzug durch die Verlagsprogramme im Frühjahr 2017

 

Hier unsere dritte Bücherliste mit wiederum elf Kurzkritiken aktueller Titel aus den Wirtschafts- und Sachbuchprogrammen der Verlage im Frühjahr 2017 - querbeet durch Themen und Disziplinen. Sortiert nach subjektiv bewerteter Wichtigkeit. Auswahl und Texte: Winfried Kretschmer (wk), Anja Dilk (ad)

Pause Lob der Pause

Alex Soojung-Kim Pang: Pause. Tue weniger, erreiche mehr. Aus dem Amerikanischen von Jochen Lehner. Arkana Verlag, München 2017, 352 Seiten, 20 Euro (D), ISBN 978-3-442-34222-8

In einer Arbeitskultur, in der "es als selbstverständliche Tugend, ja unanfechtbare Notwendigkeit gilt, ständig zu arbeiten", hat die Pause keinen guten Stand. "In dieser 24-Stunden-Welt, immer eingeschaltet, ist das Abschalten zum Anachronismus geworden." Pausen gelten schlicht als Abwesenheit von Arbeit, nicht als etwas, das seinen ganz eigenen Wert besitzt. "Die Pause ist einfach eine Leerstelle in einem Leben, das durch Plackerei, Ehrgeiz und Leistung definiert wird", kritisiert Alex Soojung-Kim Pang, der während eines Sabbatjahres das Thema Pause aufgearbeitet hat. Wie bitte? Jemand fläzt im Sabbatical nicht herum, sondern forscht und schreibt ein Buch? Genau. Das wiederum hängt eng mit dem Verständnis von Pause zusammen, das Alex Pang in seinem Buch ausbreitet: Arbeit und Pause sind keine Gegensätze, sagt Pang. "Die Pause ist nicht Widersacher der Arbeit, sondern ihr Partner. Beide ergänzen und vervollständigen sich gegenseitig." Das ist die erste von vier Erkenntnissen, um die das exzellent geschriebene (wie übersetzte) Buch kreist. Zweite Erkenntnis: Ruhe ist aktiv. Dritte Erkenntnis: Ausruhen will gelernt sein. Und schließlich, viertens: Bewusste Ruhepausen steigern und erhalten die Kreativität. Da ist er wieder, der leicht paradoxe Kerngedanke von Serendipity: "Vielleicht gelingt der Zugang zu kreativen Leistungen leichter so: indirekt." Ein wichtiges Buch, das unsere rastlose Arbeitskultur hinterfragt, wie den Nutzen einer rigiden Ziel- und Leistungsorientierung. Leseempfehlung: Pause machen, Pause lesen! (wk)
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Fit für die Next Economy Hau weg den Scheiß

Anne M. Schüller, Alex T. Steffen: Fit für die Next Economy. Zukunftsfähig mit den Digital Natives. Verlag Wiley-VCH, Weinheim 2017, 271 Seiten, 19.99 Euro (D), ISBN 978-3-527-50911-9

Wer eine Expedition ins Neuland unternimmt, braucht Mitstreiter mit ganz unterschiedlichen Fähigkeiten: Kundschafter, die weit ins Unbekannte vorstoßen und neue Wege erschließen. Es braucht aber auch Spezialisten, die erschlossenes Terrain sichern und kartieren, die Pfade verbreitern und andere Menschen nachholen. Damit ist umschrieben, was sich das Buch Next Economy zum Ziel gesetzt hat: Es will die alte Wirtschaft ans Neue heranführen und "Schnellstraßen in die Wirtschaftswelt von morgen aufzeigen". Anne M. Schüller, die unermüdliche Vorkämpferin einer neuen Ökonomie, hat sich für ihr neues Buch mit einem Vertreter der jungen Generation zusammengetan, Alex T. Steffen. Integration sei das große Thema der Next Economy, schreiben die Autoren. Integration ist auch das Thema ihres Buches. Es integriert und verdichtet, komponiert ein Gesamtbild. Man könnte dem Buch vorwerfen, dass es keine Definition anbietet, was unter "Next Economy" zu verstehen sei. Doch genau das ist Gegenstand des Buches. Nur lässt sich dies in keine griffige Kurzdefinition packen. Denn in der Transformation zur nächsten Wirtschaft (oder auch Gesellschaft) überlagern und verdichten sich ganz unterschiedliche, oftmals disparate Entwicklungsstränge. Die wichtigsten: die Veränderung von Kunden und Märkten, ja des ganzen Umfeldes, in dem Unternehmen agieren, zweitens die allgegenwärtige Digitalisierung und nicht zuletzt die Schubkraft einer neuen, jungen Generation, die nicht mehr mitmachen möchte, was sie an der Lebens- und Arbeitsweise ihrer Eltern als falsch erlebt hat, und jetzt andere Wege sucht. All das deklinieren Schüller und Steffen zusammen und entwerfen ein stimmiges Gesamtbild des Neuen. Nicht nur das. Sie haben einen ebenso einfachen wie radikalen Vorschlag, wie Organisationen den Weg in die eigene Transformation angehen können: "Die Leute ersaufen in Bürokratie", schreiben sie. Und setzen genau hier mit dem Vorschlag #minus50 an: "50 Prozent weniger Administration, Formularwesen und Bürokratie sowie halb so viele Regelwerke, Reportings und Genehmigungsverfahren - das wäre schon mal ein Start." Wohlan! (wk)
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Adam Smith
Von der Sympathie zum Eigennutz

Gerhard Streminger: Adam Smith. Wohlstand und Moral. Eine Biographie. Verlag C.H.Beck, München 2017, 254 Seiten, 24.95 Euro (D), ISBN 978-3-406-70659-2

Immer noch liegt über Adam Smiths Theorie der ethischen Gefühle ein Schleier der Unklarheit. Wie kam es dazu, dass das Jahre später erschienene Werk Wohlstand der Nationen Weltruhm erlangte und die ökonomische Lehre begründete, wohingegen das moralphilosophische Werk des Schotten, obwohl zu dessen Lebzeiten hochgelobt und viel gelesen, in Vergessenheit geriet? Das gab und gibt zu Spekulationen Anlass. Vor nicht gar so langer Zeit wartete etwa ein Managementbuch mit der kühnen These auf, Smith habe einsehen müssen, dass seine Theorie (der ethischen Gefühle) gescheitert sei. Und habe deshalb einen neuen Versuch gestartet, menschliches Verhalten zu erklären. Nun nicht aus dem Beweggrund der Sympathie heraus. Sondern aus dem Eigennutz. Komisch nur, dass Smith für neue Auflagen seines Werks immer wieder Änderungen einarbeitete, Übersetzungen in andere Sprachen vorbereitete und dieses Werk nach eigenem Bekunden auch für das wichtigere hielt. In ökonomischen Lehrbüchern steht davon freilich nichts; solches Wissen war bislang eher unzugänglich und versteckt. Das ist nun anders geworden. Allein schon deshalb kann man dieses Werk nicht genug loben: In seiner aus den Quellen erarbeiteten Biografie bietet Gerhard Streminger eine eingehende Interpretation beider Werke und ihrer Entstehungsgeschichte und korrigiert zugleich die übliche einseitig marktliberal geprägte Lesart von Smiths Wohlstand der Nationen. (wk)
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Data for the People
Mitgestalter Individuum statt Regulator Staat

Andreas Weigend: Data for the People. Wie wir die Macht über unsere Daten zurückerobern. Murmann Verlag, Hamburg 2017, 360 Seiten, 26.90 Euro (D), ISBN 978-3-86774-568-0

Dass Andreas Weigend ein Grundlagenwerk über Daten auf den Markt gebracht hat, erstaunt nicht. Er weiß, wie sehr Daten, die über einen gesammelt werden, das Leben mit ungeahnter Macht plötzlich aus den Angeln heben können. Eines Morgens wurde Weigends Vater von einer Behörde abgeholt und verschwand sechs Jahre im Gefängnis. Ohne zu wissen, warum. Die Behörde war die Stasi, der Morgen lag im Jahr 1949. Doch die Lehre daraus ist heute, da wir jeden Tag mehr Daten produzieren als im gesamten Jahr 2000, aktueller denn je: "Persönliche Informationen zu teilen kann reale, lebensbedrohliche Risiken bergen, weil solche Daten gegen uns verwendet werden können." Dabei ist Weigend, Professor an der Stanford University, kein Digitalverächter. Im Gegenteil: Er ist überzeugt, dass all die Datenströme, die wir freiwillig jeden Tag preisgeben, uns mehr nutzen als schaden können - sofern wir Wege finden, die Interessen der Datennutzer mit unseren eigenen in Einklang zu bringen. Eine Illusion? Mitnichten, sagt Weigend, der als Ex-Forschungsleiter die Datenstrategie von Amazon mitentwickelt hat, und legt ein präzises Konzept vor, das auf zwei Prinzipien beruht: Transparenz und selbstbestimmte Handlungsfähigkeit. Weigend definiert sechs Rechte, die dringend durchgesetzt werden müssten, damit das Teilen von Daten dem Einzelnen zugutekomme: vom Recht auf Datenzugang und der Inspektion von Datenfirmen für das Individuum über das Recht, Daten zu ergänzen, bis hin zum Recht, Daten zu anderen Firmen mitzunehmen. Ein äußerst konkreter Entwurf, der die Beziehungen zwischen Datenerzeugern und Datendienstleistern fundamental neu denkt: statt Regulator Staat, Mitgestalter Individuum. Ein wichtiger Debattenbeitrag zur Gestaltung des Lebens in der digitalen Gesellschaft. (ad)
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Nimm Dir das Leben, das Du wirklich willst
Lektüre mit umstürzlerischem Potenzial

Martin Cordsmeier: Nimm Dir das Leben, das Du wirklich willst. Warum wir weniger arbeiten und mehr Spaß haben sollten. Econ Verlag, Berlin 2017, 256 Seiten, 16.99 Euro (D), ISBN 978-3-430202329

Lebensratgeberbücher gibt es viele. Gewöhnlich reichen sie eine Toolbox weiter, die mit hemdsärmeligen Maßnahmen dabei helfen soll, weiterzukommen. Mache mehr aus deinem Leben! Sei du selbst! Und so weiter. Was das Buch von Martin Cordsmeier davon abhebt und so besonders macht, ist der Zugang: Seine ganze Kindheit über hatte er das Gefühl, das Leben leben zu müssen, das sich andere für ihn vorstellten. Er begab sich auf die Suche nach einem Leben, das zu ihm passte, entdeckte seine Leidenschaft für die Lebensgeschichten anderer - und erkannte, dass auch sie meist den Ideen anderer folgten. "Wir haben verlernt, auf uns selbst zu hören", schlussfolgerte Cordsmeier. Daraus entstand die gemeinnützige Stiftung millionways, die Menschen interviewt und dabei unterstützt, ihre wahren Talente zu finden. Und ihr wirkliches Leben. In seinem Buch blättert Cordsmeier nun auf, wie das gehen kann. Indem etwa Menschen ihren eigenen Wünschen und unerkannten Talenten auf die Spur kommen; indem sie das Selbstbewusstsein entwickeln, aus diesen Talenten etwas Handfestes zu machen; indem sie lernen, ihrem Gefühl zu folgen, und einfach anfangen, sich auszuprobieren statt den Erwartungen der Um- und Arbeitswelt hinterherzuhasten. Easy ist das freilich nicht. Aber Cordsmeier gelingt ein wunderbar leicht zu lesendes Buch, das mit einer Fülle von Beispielen dem Leser Mut macht. Eine Lektüre mit umstürzlerischem Potenzial. (ad)
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Aufmerksamkeit
Zuhören lernen

Jon Christoph Berndt: Aufmerksamkeit. Warum wir sie so oft vermissen und wie wir kriegen was wir wollen. Econ Verlag, Berlin 2017, 224 Seiten, 16.99 (D), ISBN 9783430202237

Jeder kennt es: Textstakkato, Aufmerksamkeitsgegreine, Kommunikationsgedröhne - von der Käsetheke bis zum Internet. Einfach mal rauslassen, zutexten, Kopf leeren. Die "Gesprächsgrabscher" sind unentwegt auf Sendung, die chronischen "Bewerter" machen jede Kommunikation zum Ausbreitungsfest eigener Ansichten. Für Marketing- und Kommunikationsprofi Jon Christoph Berndt liegt hier eine Krux der modernen Gesellschaft: Wir haben verlernt, zuzuhören. Die Folge sind Scheinkommunikationen und Sehnsucht nach Aufmerksamkeit. Doch: "Wer Aufmerksamkeit bekommen will, muss lernen aufmerksam zu sein", fordert der Dozent an der Hochschule St. Gallen daher. Im Zuhören sieht er gar die Schlüsselkompetenz und den Erfolgsfaktor der Zukunft. Denn nur wer weiß, was den anderen bewegt, nur wer ihm signalisiert: "du bist mir wichtig", "ich möchte dich verstehen", bekommt Aufmerksamkeit. Egal ob es um Partnerschaften, Freunde, Kollegen oder Kunden geht. Wie sich eine neue Aufmerksamkeitskultur aufbauen und nutzen lässt, entwickelt Berndt in seinem neuen Buch. Ein breit angelegter und nutzwertiger Zwischenruf im hektischen Allways-on-Zirkus. Das Ziel: ein fruchtbares gesellschaftliches Miteinander, von dem wir alle profitieren. (ad)
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66 Gebote systemischen Denkens und Handelns in Management und Beratung Theorie ohne Schrecken

Torsten Groth: 66 Gebote systemischen Denkens und Handelns in Management und Beratung. Mit Illustrationen von Christoph Rauscher. Carl-Auer Verlag, Heidelberg 2017, 176 Seiten, 29.95 Euro (D), ISBN 978-3-8497-0104-8

Systemtheorie, das klingt nach Luhmann-Schwere und theoretischem Overload. Dennoch führt am systemischen Denken kein Weg vorbei. Denn die systemischen Erklärmodelle verändern gängige Vorstellungen von Management und Beratung und erschließen neue Sichtweisen. Ohne Theorie aber ist das nicht zu haben. "Wenn es gelingt, mit theoretischen Konzepten eine neue Sicht auf die bekannte Praxis zu erzeugen, dann erzeugt diese Andersheit eine Differenz, eine produktive Spannung und damit eine Anleitung zum ganz praktischen, situationsangemessenen Handeln", schreibt Torsten Groth. Sein erstes Gebot für systemisches Denken und Handeln lautet deshalb: "Nutze Theorie, damit du praktisch wirst!" Es ist eines von insgesamt 66 Geboten, die vor allem als Orientierungsangebote zur Bewältigung des komplexen Alltags zu verstehen sind. Und genau hier liegt der Reiz von Groths Geboten. Sie sind kurz, einfach und prägnant - zur besseren Veranschaulichung zudem illustriert - und geben einen klaren und stringenten Überblick über die system- und organisationstheoretischen Grundlagen systemischen Denkens. Bonuspunkt: Mit der Sprühflasche mit der Aufschrift "Komplexitätslöser" vorne auf dem Buchdeckel (einer Illustration von Christoph Rauscher) ist dem Carl-Auer Verlag das wahrscheinlich beste Cover der Saison gelungen. (wk)
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Zeitmanagement im Takt der Persönlichkeit
Im eigenen Takt

Eva Brandt: Zeitmanagement im Takt der Persönlichkeit. Welche Zeitpersönlichkeit sind Sie? Und wie ticken die anderen?. Beltz Verlag, Weinheim 2017, 199 Seiten, 26.95 Euro (D), ISBN 978-3-407-36616-0

Zeitmanagement ist tot. Und geistert doch immer noch durch die Ratgeber- und Beraterlandschaft. Klar, so richtig die Einsicht ist, dass Zeit sich nun mal nicht managen lässt und Balance und Lebenssinn ohnehin wichtiger sind, so wenig hilft sie, die unterschiedlichen und oftmals konkurrierenden Anforderungen in Beruf und Alltag in den Griff zu bekommen. Unter den diversen Konzepten, die zumeist einen methodischen Ansatz zum allein selig machenden erklären, sticht ein Konzept heraus: Eva Brandts Zeitmanagement im Takt der Persönlichkeit. Leider ist das Persönlichkeitsmodell, an dem sich die Autorin orientiert, etwas einfach gestrickt. Dennoch sollte sich nicht beirren lassen, wer sich (wie ich) in den drei Persönlichkeitstypen nicht wiederfindet. Das Modell ist immerhin differenziert genug, um - gerade in der Anwendung auf Teamkonstellationen - die Vielfalt unterschiedlicher Umgangsweisen mit der Zeit deutlich zu machen: "Jeder Mensch hat sein eigenes Lebenstempo, jeder Mitarbeiter seinen eigenen Zeittakt für Projekte", betont die Autorin. Ihr Buch unterstreicht die Wichtigkeit des Selbstmanagements in einer Arbeitswelt, in der es immer mehr auf den Einzelnen ankommt. Wie Selbstmanagement nun konkret anzugehen sei, "dafür gibt es keine Blaupause", sagt Eva Brandt. Alles, was zählt, "ist das Wissen um die eigenen Temperamente und die klare Entscheidung, danach zu handeln." (wk)
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Die Start-up-Illusion
Sozialer Kapitalismus statt Plattformökonomie

Steven Hill: Die Start-up-Illusion. Wie die Internet-Ökonomie unseren Sozialstaat ruiniert. Knaur Taschenbuch, München 2017, 272 Seiten, 14.99 Euro (D), ISBN 978-3-426-78902-5

Der Wind hat sich gedreht. Deutlich. Galt Google vor ein, zwei Jahren noch als vielfach bewundertes Vorzeigeunternehmen, dessen Mantra "Don’t be evil" anerkennend zitiert wurde, wird Alphabet heute sehr viel kritischer gemustert. Vielleicht wird Dave Eggers’ Circle-Roman einmal als (symbolischer) Umschlagpunkt in der Wertschätzungskurve identifiziert werden, heute jedenfalls stößt der Plattformkapitalismus der digitalen Konzerne aus dem Silicon Valley zunehmend auf Gegenwind, wird ihre Weltbeherrschungsattitüde als "kalifornische Ideologie" kritisiert. Nun bringt der amerikanische Wirtschaftsjournalist Steven Hill diese Kritik auf den Punkt und treibt sie voran. Er sagt: "Die Start-up-Mentalität, die das Silicon Valley antreibt, kann äußerst innovativ sein, aber sie neigt zur Blindheit gegenüber ihren zerstörerischen Aspekten." Dazu zählt er vor allem, dass die Plattformökonomien den Weg in eine unsoziale Freelance-Gesellschaft US-amerikanischer Prägung ebneten. Zugleich ist sein Buch ein Beitrag zur Digitalisierungsdebatte in Deutschland. Mit einer dezidierten Position. Hill kritisiert, dass sich Deutschland in der Digitalisierung zu stark am Silicon Valley orientiere. Und hält dagegen: Deutschland solle im Gegenteil eine Führungsrolle bei der Ausgestaltung der Digitalisierung der weltweiten Wirtschaft übernehmen. Denn: "Deutschlands sozialer Kapitalismus kann der Schlüssel sein für ein neues Konzept, das auf die Herausforderung des schnell aufziehenden digitalen Zeitalters angemessen antwortet." Ein durchdringender Weckruf, der gehört werden sollte. Auch in der Start-up-Szene. (wk)
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Unternehmen der nächsten Generation Im Generationswechsel

Michael Bartz, Andreas Gnesda, Thomas Schmutzer (Hg.): Unternehmen der nächsten Generation. Atlas des neuen Arbeitens. Springer Gabler, Heidelberg 2017, 441 Seiten, 49.99 Euro (D), ISBN 978-3-662-52818-1

Um Unternehmenstransformation geht es auch in diesem Sammelband. Vorausgeschickt: Was für ein schöner, ein treffender Titel: Unternehmen der nächsten Generation bringt auf den Begriff, dass die Transformation, die sich in vielen Unternehmen da draußen vollzieht, einen grundlegenden Wandel darstellt. Einen Generationswechsel. Fünf Entwicklungstrends sind es, die die in Österreich ansässigen Autoren, alle aus dem Schnittbereich von Beratung und betriebswirtschaftlicher Forschung stammend, in einem einführenden Kapitel als zentral herausstellen: Unternehmensgrenzen lösen sich auf, Arbeitsverhältnisse werden flexibler, die traditionellen Organisationsstrukturen lösen sich auf, der Arbeitsort ist relativ, das heißt, Arbeit als Bezeichnung eines Ortes verliert an Bedeutung, und nicht zuletzt existieren unterschiedliche Arbeitsstile parallel. Der Hauptteil des Buches aber gehört den Unternehmen, und zwar in Form von "Erfahrungsberichten von Unternehmen für Unternehmen", in denen diese selbst zu Wort kommen. Obwohl unklar bleibt, wie diese Auswahl zustande kam, liegt in dieser Zusammenstellung von Erfahrungsberichten aus erster Hand der Wert dieses Buches, mehr noch als in der doch recht stark von BWL-Plastikbegriffen durchsetzten Abhandlung der Autoren. Etwa "New World of Work". Oder "Next Generation Enterprise Transformation Framework". Aber vielleicht ist dies auch dem Entstehungskontext Österreich geschuldet. Dort heißt der Schnellzug ja auch gleich "Railjet". (wk)
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Die letzte Stunde der Wahrheit
Zentrale Metapher Komplexität

Armin Nassehi: Die letzte Stunde der Wahrheit. Kritik der komplexitätsvergessenen Vernunft. kursbuch.edition, Hamburg 2017, 216 Seiten, 20 Euro (D), ISBN 978-3-946514-58-9

Platz elf dieser zugegebenermaßen (in Ermangelung objektiver Kriterien) mit einem nicht zu unterschätzenden Maß an Willkür sortierten Liste ist schon traditionell ein besonderer. Ein Platz für Kurioses, Schräges, Unsägliches. Und nun etwas Unmögliches. Natürlich sollte es möglich sein, ein beliebiges Buch in einer überschaubaren Menge an sagbaren Sätzen zu beschreiben. Kurz und knapp wie in diesen Bücherlisten. Hier aber, bei diesem Buch, würde dieser Versuch in einen unlösbaren Konflikt mit dessen zentraler These münden: der von der Komplexitätsvergessenheit von Beschreibungen. Daher ausdrücklich nur als Vorschau: Weil die Konzentration auf die altbekannten politischen Chiffren rechts/links in die altbekannten Diskussionspfade mündete, hat Armin Nassehi sein Buch neu geschrieben. Das ist mutig. Und konsequent. Es ist der ambitionierte und nachdrücklich vorgetragene Anspruch, den Begriff Komplexität als zentrale Metapher für die Beschreibung unserer modernen Gesellschaften fruchtbar zu machen. Nassehis These besagt, "dass die moderne Gesellschaft in ihrer ganz eigenen Form der Komplexität davon geprägt ist, dass es keinen Ort gibt, von dem her man sie konkurrenzlos und gültig beschreiben kann. Mehr noch: Sie kennt keinen Ort, der es ermöglicht, auf die Gesellschaft zuzugreifen." Bald mehr dazu. (wk)
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