Die Welt verstehen, zumindest ansatzweise

Unser vierter Buchstreifzug durch die aktuellen Verlagsprogramme

 

Die Welt verstehen, zumindest ansatzweise und vielleicht ein bisschen besser - wenn das der Anspruch ist, dann hält die heutige Auswahl einige Lektüreanregungen bereit: Hier unsere vierte Bücherliste mit wiederum elf Kurzkritiken aktueller Titel aus den Wirtschafts- und Sachbuchprogrammen der Verlage - querbeet durch Themen und Disziplinen. Mehr zu unserer Buchauswahl lesen Sie in einem kurzen Überblicksartikel: hier Auswahl und Texte: Winfried Kretschmer (wk), Anja Dilk (ad)

Die letzte Stunde der Wahrheit
Übersetzung gefragt

Armin Nassehi: Die letzte Stunde der Wahrheit. Kritik der komplexitätsvergessenen Vernunft. kursbuch.edition, Hamburg 2017, 216 Seiten, 20 Euro (D), ISBN 978-3-946514-58-9

Zwei Jahre nach Erscheinen der Erstausgabe seines Buches legt Armin Nassehi nun eine komplett überarbeitete Neuausgabe vor, die sich nun auf den zentralen, den eigentlichen Kern des Werkes konzentriert: die Komplexität der modernen Gesellschaft. Die Teile, die sich mit dem Rechts-links-Schema beschäftigten - und zu einer missverständlichen Wahrnehmung des Buches geführt hatten -, wurden gestrichen. Das führt zu mehr Klarheit und tut dem Buch gut. Dessen zentrale These lautet: "dass die moderne Gesellschaft in ihrer ganz eigenen Form der Komplexität davon geprägt ist, dass es keinen Ort gibt, von dem her man sie konkurrenzlos und gültig beschreiben kann. Mehr noch: Sie kennt keinen Ort, der es ermöglicht, auf die Gesellschaft zuzugreifen." Weder gibt es eine allgemeingültige Beschreibung der Gesellschaft, noch gibt es einen Punkt, an dem man den Hebel der Gesellschaftsveränderung ansetzen könnte. Nassehis "Kritik der komplexitätsvergessenen Vernunft" richtet sich gegen gesellschaftliche Diskursströmungen, die nicht akzeptieren wollen, dass es eine gesellschaftliche Zentralperspektive nicht mehr gibt, respektive von einem Umbau der Gesellschaft träumen - explizit genannt: in eine Postwachstumsökonomie. Im Grunde sei "die Gesellschaft voller unterschiedlicher Problemlösungsperspektiven", so der Münchner Soziologieprofessor, der auch klar das zentrale Problem moderner Gesellschaften benennt: Die wesentliche Herausforderung der modernen Gesellschaft ist die Übersetzung von einer Logik in eine andere. Nur so kann die verteilte Intelligenz genutzt werden. (wk)
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Die Plattform-Revolution
Power der Plattform

Geoffrey G. Parker, Marshall W. Van Alstyne, Sangeet Paul Choudary: Die Plattform-Revolution. Methoden und Strategien für Start-ups und Unternehmen. mitp-Verlag, Frechen 2017, 320 Seiten, 28 Euro (D), ISBN 978-3-958455191

Immer wieder zitiert: "Uber, das größte Taxiunternehmen der Welt, besitzt keine Fahrzeuge. Facebook, der weltweit populärste Medieninhaber, erstellt keine Inhalte. Alibaba, der wertvollste Einzelhändler, besitzt keinen Warenbestand. Und Airbnb, der größte Beherbergungsbetrieb, besitzt keine Immobilien." Geschrieben hat das Tom Goodwin, Vizepräsident von Havas Media. Das Zitat wirft die Frage auf: Wie haben es Plattformunternehmen wie diese geschafft, "in nur wenigen Jahren nach der eigenen Gründung riesige traditionelle Industriezweige zu dominieren?". Obwohl sie doch "nur einen kleinen Bruchteil der Belegschaft alteingesessener Firmen beschäftigen". 13 Mitarbeiter waren es bei Instagram und 50 bei WhatsApp bei einem Verkaufserlös von einer beziehungsweise 19 Milliarden Dollar. Auf diese Fragen geben Geoffrey G. Parker, Marshall W. Van Alstyne und Sangeet Paul Choudary erstmals eine umfassende und fundierte Antwort. Zwei der Autoren mussten dafür sogar eine neue Wirtschaftstheorie der Netzwerkeffekte auf zweiseitigen Märkten entwickeln. Denn Netzwerkeffekte, die in der klassischen Wirtschaftslehre nicht vorkommen, bieten die Erklärung für das Plattformphänomen. Und "wenn in einer Branche Netzwerkeffekte auftreten, gelten … andere Spielregeln", sagen die Autoren. Klar geschrieben und mit präzisen Beispielen versehen, liefert das Buch eine ökonomisch fundierte Theorie des exponentiellen Wachstums. Doch: Allein die Binnenlogik der Plattformunternehmen reicht nicht hin, ihre hohe Marktkapitalisierung zu erklären. Diese erklärt sich daraus, dass Investoren Theorien wie diesen glauben und Massen frei floatenden Kapitals in diese Firmen pumpen. (wk)
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Vaporisiert
Alles wird Information

Robert Tercek: Vaporisiert. Solide Strategien für Erfolg in einer dematerialisierten Welt, aus dem Amerikanischen von Andreas Schieberle. Wiley-VCH, Weinheim 2016, 412 Seiten, 26.99 Euro (D), ISBN 978-3-527-50917-1

In Deutschland ist die Skepsis gegenüber der Digitalisierung weitverbreitet. Bezweifelt wird nicht nur, ob Unternehmen unbedingt auf den digitalen Zug aufspringen sollten. In Zweifel gezogen wird mitunter auch, ob der Begriff zur Beschreibung eines fundamentalen Entwicklungstrends in Wirtschaft und Gesellschaft taugt. Diesen Skeptikern sei ein Buch empfohlen, das mit einer großen Metapher daherkommt: Vaporisiert. Dieses Bild meint, dass Information wie Wasser drei Aggregatzustände annehmen kann: fest, flüssig und gasförmig. Mit dem Übergang zu mobilen Internetgeräten gehe Information nun in den vaporisierten, gasförmigen Zustand über, schreibt Robert Tercek, Pionier im Feld der digitalen Medien: Sie ist "frei schwebend in der Atmosphäre, rund um uns herum, von allen geteilt, jeden Ort und jede Situation erfassend". Terceks Leitmotiv lautet nun: "Was vaporisiert werden kann, wird auch vaporisiert werden." Das bedeutet, dass jeder Bestandteil eines Geschäfts oder Produkts, der "durch rein digitale Information ersetzt werden kann, fast sicher auch ersetzt werden wird". Seine These beschreibt Digitalisierung als allumfassende Entwicklung: "Alles Feste, das in Information verwandelt werden kann, wird in Information verwandelt werden." Nicht nur in der Wirtschaft, sondern auch in der Gesellschaft. Dieses Leitmotiv dekliniert der Autor in einigen spezielleren Thesen durch: Alles, was entflochten, gemessen, vernetzt, dezentralisiert, automatisiert, demokratisiert werden kann, wird auch entflochten, gemessen, vernetzt, dezentralisiert, automatisiert, demokratisiert werden. Und schließlich: "Alles, was transzendiert werden kann, wird transzendiert werden." Da ist sie nun, am Ende des Buches, im letzten Kapitel: die These des Transhumanismus, von Tercek ausbuchstabiert am Beispiel des "Ladens von Geist", der Digitalisierung menschlicher Gehirne. Geprägt vom grenzenlosen technologischen Optimismus des Silicon Valley fordert Tercek, die Skepsis fallen zu lassen. Seine Frage gilt dem Wie, nicht dem Ob. Doch: Seine vorwärtsdrängende Frage "An welcher Art von Zukunft möchten Sie teilnehmen?" lässt sich freilich auch skeptisch gegen diese Art von Optimismus wenden. (wk)
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Exponentielle Organisationen
Ten Times Bigger

Salim Ismail: Exponentielle Organisationen. Das Konstruktionsprinzip für die Transformation von Unternehmen im Informationszeitalter. Vahlen Verlag, München 2017, 272 Seiten, 34.90 Euro (D), ISBN 978-3-8006-5254-9

Jetzt ist es also auf Deutsch erschienen, das Buch, dessen Titel hierzulande mehr raunend denn wissend aufgenommen wurde: Exponential Organizations. Exponentielle Organisationen, das wirkte wie ein Mantra, eine Formel, die das stürmische Wachstum digitaler Unternehmen auf den Begriff bringt (wobei die Beispiele ebenso mantraartig wiederholt werden: Airbnb, Uber, PayPal und Co.). Die Idee der exponentiellen Organisation entstand an der Singularity University und fußt auf dem Modell des exponentiellen (im Gegensatz zum linearen) Wachstums. Sie gründet auf einer neuen Entwicklung in der Wirtschaft in den vergangenen Jahren: "Wir beobachten eine neue Form von Organisationen, die Wert in einer Geschwindigkeit generieren und skalieren, wie wir es zuvor in der Wirtschaft noch nicht erlebt haben." Diese Unternehmen machen vor, wie sich neue, bessere Wege der Organisation entwickeln lassen: Die Organisation skalieren, das ist die Grundidee. Der Bestimmungsgrund dieser exponentiellen Organisation bleibt aber ein quantitativer: "Eine exponentielle Organisation (ExO) ist eine Organisation, deren Wirkung (oder Ertrag) überproportional hoch - mindestens zehn Mal höher - ist, als bei vergleichbaren Organisationen." Wie eine exponentielle Organisation aufgebaut ist - das "Konstruktionsprinzip", das der deutsche Untertitel verspricht -, leitet sich dann aus diesen Organisationen her. Im Ansatz also nichts anderes als die bekannte "Suche nach Spitzenleistungen". Wie ein roter Faden zieht sich der letztlich quantitative Maßstab durch das Buch: die Fähigkeit zu exponentiellem Wachstum. Das Ten Times Bigger. (wk)
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Wirtschaft im Zukunfts-Check
Leitbild Ultraeffizienz

Heinrich-Böll-Stiftung: Wirtschaft im Zukunfts-Check. So gelingt die grüne Transformation. oekom verlag, München 2017, 240 Seiten, 19.95 Euro (D), ISBN 978-3-96006-008-6

Digitalisierung ist Dematerialisierung. Das bedeutet, dass Produkte, Prozesse, Verfahren zu Information werden. Was allerdings wiederum bedeutet: Wer seinen Blick auf Ressourcen und Stoffströme fokussiert, bekommt Digitalisierung nicht in den Blick. Das ist der Pferdefuß der Debatten um die Postwachstumsökonomie. Und auch des neuen Buches mit dem vielversprechenden Titel Wirtschaft im Zukunfts-Check. Kurz gesagt: Die Zukunft dort fällt reichlich analog aus. Sie bewegt sich innerhalb des Denkrahmens des Industriesystems. Jedenfalls gilt das für den überwiegenden Teil der Beiträge, die sich breit aufgestellt der Zukunftsfähigkeit des Wohnens, der Energiewirtschaft, der Landwirtschaft, der Chemieindustrie, der Stahlbranche, der Mobilität und des Maschinenbaus widmen. So wird beispielsweise die Zukunft von Transport und Logistik abgehandelt, ohne auf Drohnen, selbstfahrende Lieferwagen, elektronisch gekoppelte Lkw-Verbände wie auch die wachsende Bedeutung von Kurierdiensten durch die Digitalisierung des Handels insbesondere im Lebensmittelbereich einzugehen. Allein drei der zwölf Kapitel werden dem Anspruch gerecht, das Stoffliche und das Digitale zusammenzudenken: Einmal (natürlich) der Beitrag von Weert Canzler und Andreas Knie, die die Zukunft der Mobilität pointiert unter dem Stichwort "digital und postfossil" abhandeln. Zweitens Markus Frankens Text über Industrie 4.0, der Ressourcenschonung als positiven Nebeneffekt des großen Digitalisierungstrends identifiziert. Und schließlich der Beitrag von Alexander Sauer, Thomas Bauernhansel und Jörg Mandel, die unter dem Titel "Radikales Umdenken in der Produktion" - basierend auf dem Cradle-to-Cradle-Ansatz - "Ultraeffizienz" als neue Maxime für die Produktion im Maschinenbau beschreiben: Aus der Verbindung von Effizienz und Effektivität, zusammengedacht mit dem urbanen Fabrikumfeld entsteht ein neues Leitbild für die Produktion der Zukunft: die urbane Ultraeffizienzfabrik. Da wird es nun wirklich spannend.
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Das metrische Wir
Zahlen machen Leute

Steffen Mau: Das metrische Wir. Über die Quantifizierung des Sozialen. Suhrkamp Verlag, Berlin 2017, 308 Seiten, 18 Euro (D), ISBN 978-3-518-07292-9

Zahlen sind Kult. Die datengestützte Dauerinventur unserer Gesellschaft gehört längst zu unserem Lebenstakt. Bereitwillig geben wir an allen Ecken des Lebens Daten preis, lassen unser Selbst und die Gesellschaft um uns herum erfassen, vermessen, quantifizieren und finden das eigentlich ganz gut so. Denn sind Zahlen nicht wunderbar eindeutig, objektiv, vergleichbar, differenziert, ja gerecht? Achtung, mahnt der Soziologe Steffen Mau: Der Zahlenfetischismus der Gesellschaft hat gravierende Folgen. Folgen, die wir meist nicht mal bemerken. Denn schleichend wird die Quantifizierung des Lebens zum Maßstab für unser Handeln, unsere Entscheidungen, unsere Bewertungen, unsere Wahrnehmung der andern. Egal, ob es um Hochschulrankings oder Börsenratings, Citations-Wettbewerbe in der Wissenschaft, um Gesundheitsscores oder Performancebewertungen am Arbeitsplatz geht. In der Quantifizierung des Sozialen sieht Steffen Mau einen Megatrend mit höchster Sprengkraft. Denn die Bewertungsgesellschaft, die gegenwertig an Fahrt aufnimmt, stärkt Hierarchien, sie droht, langfristig starrer und unfreier zu machen. Und natürlich sind Zahlen alles andere als neutral. Sie beschreiben und erzeugen Status, sind Träger politischer Konzepte und normativer Skripte. Wenn wir nicht wollen, dass sie unser Leben in neue Takte und Zwänge pressen, dass aus dem alten "Kleider machen Leute" ein neues "Zahlen machen Leute" wird, sollten wir uns mit dem Megatrend Quantifizierung dringend auseinandersetzen. Ein notwendiges Buch. (ad)
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Der Selbstheilungscode Integrativ und interdisziplinär

Tobias Esch: Der Selbstheilungscode. Die Neurobiologie von Gesundheit und Zufriedenheit. Mit einem Vorwort von Eckart von Hirschhausen. Beltz Verlag, Weinheim und Basel 2017 2017, 335 Seiten, 19.95 Euro (D), ISBN 978-3-407-86443-7

Themen wie Achtsamkeit, Resilienz, Meditation und Selbstheilung boomen in den letzten Jahren. Das Themenfeld ist unübersichtlich, die Seriosität der Anbieter von Büchern, Kursen und Therapien schwer einzuschätzen. So war unsere erste Interviewfrage an den Autor dann auch, ob er nicht befürchte, sich mit dem Buchtitel Der Selbstheilungscode dem Vorwurf moderner Scharlatanerie auszusetzen. Dabei ist Tobias Esch, schulmedizinisch ausgebildet, in der Grundlagenforschung tätig und Professor für Integrative Gesundheitsversorgung und Gesundheitsförderung an der Universität Witten/Herdecke, eigentlich über solche Zweifel erhaben. Gerade seine Seriosität und seine professionelle Ausbildung machen sein Buch so spannend. Da schreibt nicht jemand, der von der Wahrheit der eigenen Erkenntnisse überzeugt ist, kein Prediger, der seine Lehre verbreiten möchte. Sondern ein Wissenschaftler, der sich für einen persönlichen, populären Schreibstil entschieden hat, aber fest zur wissenschaftlichen Methode steht. In seinem Buch fasst er neuere wissenschaftliche Erkenntnisse der Mind-Body-Medizin zusammen und erklärt, worauf die Fähigkeit zur Selbstheilung beruht und wie man sich in die Lage versetzt, gesünder zu werden. Unumstößliche Wahrheiten verbreitet Esch nicht. Er hält die Skepsis wach: "Selbstheilung ist ein äußerst komplexes Phänomen, das wir in der Forschung noch lange nicht vollständig erklären können", schreibt er. Und: "Selbstheilung funktioniert nicht eindimensional, dafür sind Körper und Geist zu vielschichtig miteinander verwoben und beeinflussen sich gegen- und wechselseitig in einem fortlaufenden Prozess." Eben das ist der Kern der integrativen oder Mind-Body-Medizin, die mit ihrem interdisziplinären Ansatz zugleich ein Modell bietet, wie sich extreme, selektive Spezialisierung in den Wissenschaften überbrücken lässt. (wk)
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Zündstoff für Andersdenker
Die Kunst des Feuermachens

Anja Förster, Peter Kreuz: Zündstoff für Andersdenker. Murmann Verlag, Hamburg 2017, 172 Seiten, 24.90 Euro (D), ISBN 978-3-86774-576-5

Es wagen, anders zu sein. Querdenken. Weiterlaufen, wo die meisten stehen bleiben - seit Jahren sind Anja Förster und Peter Kreuz in diesen Themen die Feuermacher auf dem Buchmarkt und in der Coaching-Branche. Aber wie geht das eigentlich: Feuer entfachen, Zündfunken legen für inspirierende Veränderung? Das fragen sie in ihrem neuen Buch, einer ebenso gelungenen wie anregenden Zusammenstellung von Essays zum Thema. Das Duo möchte Mut machen, sich aus der Sofaecke hochzurappeln und neugierig das Bewährte zu hinterfragen, es auf den Kopf zu stellen und die Grenzen hinauszuschieben. Denn nur so, argumentieren Förster und Kreuz, kommt die Welt voran. Geht nicht, gibt’s nicht. Wer das Unmögliche nicht zu denken wagt, hat schon verloren. Und wer das riskante "Think Big" scheut, kann es schließlich mit "Think Small" versuchen und im Kleinen etwas tun. Kurzweilig, praxisnah und vom Verlag optisch ungeheuer anschaulich aufbereitet, zählen die beiden Profis die Orientierungspunkte für den Weg des Wandels auf: ob Improvisation wagen, fanatisch hinterfragen, unperfekt sein oder loslassen lernen. Ein "Freiheitsfest für Andersdenker" will das Buch sein. Und es erinnert daran: Wir haben alle die Wahl. Wir müssen uns nur entscheiden. Und tun! (ad)
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Der Fairness-Faktor
Eine Beziehung schaffen

Henning Beck, Birgit Hauser: Der Fairness-Faktor. Das Geheimnis erfolgreicher Verhandlung. Hanser Fachbuch, München 2017, 192 Seiten, 24 Euro (D), ISBN 978-3-446-45186-5

Verhandlungsratgeber beginnen meist bei dem (vermeintlich) Naheliegenden: Macht, Strategie, Techniken. Klar, geht es bei einer Verhandlung doch darum, wer sich durchsetzen kann. Doch stimmt das wirklich? Ist das nicht ein Relikt aus einer Zeit, als Verhandlung noch mit Streit assoziiert wurde und es um Sieg oder Niederlage ging? Das "Harvard-Konzept" hat vor 30 Jahren mit dieser Vorstellung gebrochen und den Gedanken populär gemacht, dass sich durch Kooperation eine Einigung erzielen lässt, auch wenn die Beteiligten unterschiedliche Standpunkte vertreten. Dass also beide Seiten gewinnen können, Stichwort "win-win". Die US-Wissenschaftlerin Melanie Billings-Yun ging dann einen Schritt weiter, als sie in ihrem 2010 erschienenen Buch Beyond Dealmaking das Bestreben nach einer langfristigen, belastbaren Beziehung zum Gesprächspartner ins Zentrum rückte. "Kurz gesagt: Es geht darum, eine Beziehung zu schaffen." Ihre GRASP-Verhandlungsmethode ist nun in Deutschland angekommen. Der Neurowissenschaftler Henning Beck und die Verhandlungs- und Konfliktlösungsexpertin Birgit Hauser stellen in ihrem Buch die Methode vor - und gehen zugleich darüber hinaus. Die Essenz, erstens: "Der Faktor Fairness ist bei jeder Verhandlung zentral." Zweitens: Ob Verhalten, Angebot, Forderungen und Verhandlungsführung als fair wahrgenommen werden, liegt in der Wahrnehmung des Gesprächspartners. Deshalb geht es (drittens) darum, sich bewusst in die andere Seite hineinzuversetzen und Verhandlungsgegenstand und Verhandlung aus deren Blickwinkel zu betrachten. Schließlich steckt auch ein gutes Stück positive Psychologie in dem Buch. Denn wie die Autoren zeigen können, wirkt sich eine positive emotionale Grundstimmung des Verhandlers positiv auf das Verhandlungsergebnis aus. Impulse, die es verdienen, aufgenommen zu werden. (wk)
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Das falsche Leben
Gesellschaft der Angepassten

Hans-Joachim Maaz: Das falsche Leben. Ursachen und Folgen unserer normopathischen Gesellschaft. C.H.Beck, München 2017, 256 Seiten, 16.95 Euro (D), ISBN 978-3-406-70555-7

Wer Kinder hat, dem kann dieses Buch die Schweißtropfen auf die Stirn treiben. Denn Hans-Joachim Maaz, Bestsellerautor, Psychoanalytiker und Psychiater mit 40 Jahren Erfahrung, lässt in seiner neuen Publikation keinen Zweifel daran: Die Beziehungsqualität zwischen Eltern und Kind in den ersten Lebensjahren bestimmt maßgeblich darüber, ob das Kind sein Selbst im Leben entfalten kann. Kann es das nicht, entwickelt es ein falsches Selbst, es lebt das "falsche Leben", das nicht seinen Bedürfnissen, seinem inneren Kern entspricht. Die Folge: Als soziales Wesen stets nach Anerkennung und Zugehörigkeit dürstend, passt es sich zur Kompensation überkorrekt den Erwartungen seiner Umwelt an. Werden solche "Fehlentwicklungen" zum Massenphänomen in einer Gesellschaft, entsteht eine "kollektive Normopathie", eine Gesellschaft der Angepassten. Normopathen passen sich an mehrheitliche Meinungen und Positionen an, nicht weil diese wahr sind, "sondern weil das ‚falsche Leben‘ damit am besten kaschiert und geleugnet werden kann". Indem Maaz die gegenwärtige Krise der Gesellschaft als Ausdruck einer krankhaften Normopathie der vielen interpretiert, zwingt er uns, genauer hinzuschauen: Unsere falschen Leben, in denen wir uns allzu oft bequem eingerichtet haben, überdecken gefährlich die Sprengkraft, die der kollektive Selbstbetrug für die Gesellschaft haben kann: eine wachsende Polarisierung und Barbarisierung unserer sozialen und politischen Verhältnisse. Eine ebenso ungewöhnliche wie beunruhigende Analyse, die wir uns nicht ersparen sollten. (ad)
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Visionen gestalten
Vielschichtiges Denken zulassen

Elisabeth Hartung: Visionen gestalten. Neue interdisziplinäre Denkweisen und Praktiken in Design, Kunst und Architektur. av edition, Stuttgart 2017, 256 Seiten, 34 Euro (D), ISBN 978-3-89986-263-8

Als die Architekten Anne Lacaton und Jean-Philippe Vassal mit der Verschönerung eines Platzes in einem Viertel in Bordeaux beauftragt wurden, fanden sie zu einer ebenso einfachen wie radikalen Lösung: Sie entschieden sich, nichts zu tun. Nichts zu verändern. Weil sie fanden, dass es an dem gewachsenen und von den Anwohnern seit vielen Jahren genutzten Platz nichts zu verbessern gab. Stattdessen, so ihr Vorschlag, sollte das für den Umbau vorgesehene Geld in die langfristige Erhaltung und Pflege des Platzes investiert werden. Ein schönes und ungewöhnliches Beispiel, das den Horizont von Planen und Gestalten erweitert. Denn hier geht es nicht um die Gestaltung von etwas Neuem, sondern um die Wertschätzung des bereits Gegebenen. Das Beispiel steht für die zweite Lesart des Titels Visionen gestalten: Hinter dem Platz steht eine Vision, die bereits Gestalt angenommen hat, die soziales Zusammenleben gestaltet. Gerade damit steht das Projekt für den Anspruch des Buches, Räume zu schaffen, die vielschichtiges Denken zulassen. Dazu versammelt das schön gestaltete Buch 29 Interviews mit Experten aus Design, Kunst und Architektur, kombiniert mit gut ebenso vielen Praxisbeispielen wie dem aus Bordeaux. Kurzum: Toll gestaltet, inspirierend, und mit dem vielschichtig multidisziplinären Ansatz auf der richtigen Spur. (wk)
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